
Im Dunkel ist gut munkeln – Schnupperflüstern mit der Ewigkeit™
Ein Batatschuk-Moment zwischen grünen Smoothies und Unterwelt
Ich hatte es gewonnen. Ein Dunkelretreat. Einfach so.
Nicht gebucht. Nicht geplant. Nicht einmal ernsthaft erhofft. Gewonnen. Irgendwo auf irgendeiner Plattform, deren URL längst in den sumpfigen Tiefen des Internet-Nirwanas versunken war. Eine Freundin hatte sie mir einmal empfohlen. Man konnte dort spirituelle Seminare gewinnen, Begegnungen mit sich selbst, Wochenenden mit Klangschalen, Herzöffnungen, Stille, Schamanismus, Rückführungen, Lichtnahrung, Engelkontakt, wahrscheinlich auch das eine oder andere schlecht belüftete Erwachen „aus dem Herzen des Universums“. Ich klickte mich damals halb neugierig, halb gelangweilt durch diese digitale Auslage spiritueller Verheißungen, meldete mich irgendwo an und vergaß die Sache sofort wieder.
Dann kam die Nachricht. Zack. Ich war ausgewählt worden.
Das Universum hatte Humor. Groben Humor. Und einen merkwürdigen Plan. Während ich tagsüber im Sternenwerk™ Monitore stapelte und mich langsam wieder in die deutsche Funktionswelt zurückführen ließ, flatterte aus dem Off die Einladung zu einer ganz anderen Form von Anwesenheit herein: Schnuppern in der Dunkelheit. Zwei Nächte lang. Im Black Forest forever™.
Schon der Begriff war herrlich bescheuert. Schnupper-Dunkelretreat. Als würde man kurz am Abgrund riechen. Ein Probewochenende mit der Ewigkeit. Ein Kennenlernangebot für die totale Reizreduktion. Vielleicht mit Rückgaberecht.
Also fuhr ich hin.
Freitagmorgen. Leichte Nervosität. Kein klarer Begriff davon, was ich dort eigentlich suchte. Vielleicht gar nichts. Vielleicht genau das. Die Anreise hatte etwas von einem schiefen Parallelprogramm zum deutschen Alltag. Draußen der Schwarzwald, wie immer mehr Wesen als Landschaft. Diese dunklen Bäume. Diese stille, alte Präsenz. Der Geruch nach Harz, Moos, kühler Erde. Ein Duft wie Kindheit ohne Erklärung. Ich kannte den Schwarzwald. Ich hatte mich dort früher mit dem Mountainbike verloren, stundenlang, als gäbe es im Wald noch eine Sprache, die keine Menschenworte braucht. Und nun kam ich zurück, um mich freiwillig in ein Zimmer sperren zu lassen. Ohne Licht. Ohne Sicht. Ohne die gewohnte Choreografie der Welt.
Vor Ort kurze Begrüßung. Nette Stimmen. Sanfte Gesichter. Diese typische Mischung aus Fürsorge und milder Entrücktheit, die spirituelle Orte gern ausstrahlen, wenn sie noch nicht entschieden haben, ob sie eine Heilungsstätte oder eine gepflegte Irritation sein wollen. Dann die „Inspektion“ meines Zimmers im Hellen. Bett. Wände. Tür. Toilette. Ein paar letzte Koordinaten des Sichtbaren. Es hatte etwas Komisches. Wie ein Tourist, der noch schnell sein Hotelzimmer begutachtet, bevor er für zwei Tage in die Katakomben hinabsteigt. Danach: Licht aus.
Für zwei Tage. Und plötzlich war die Welt nicht mehr da.
Das Setting war einfach. Fast rührend fürsorglich. Draußen vor meiner Tür stellte man mir täglich grüne Smoothies hin. Frisch. Duftend. Mit einer kleinen Glocke angekündigt. Ein zarter, beinahe komischer Gruß aus der Welt der Farben, Vitamine und chlorophyllgrünen Hoffnung, während ich drinnen in der Schwärze lag wie ein Embryo im unendlichen Uterus der Zeit. Diese Glocke hatte etwas zutiefst Absurdes. Sie klang friedlich, fast klösterlich. Und gleichzeitig stand sie für den einzigen Moment, in dem die Außenwelt mich noch höflich daran erinnerte, dass sie existierte.
Einmal täglich kam mein Betreuer vorbei. Er sprach sanft, stellte Fragen, die im Dunkeln seltsam nackt wirkten.
Wie geht’s dir?
Brauchst du etwas?
Willst du reden?
Dann verschwand er wieder, lautlos wie eine Erinnerung, die nicht bleiben will. Die Zeiten variierte er. Kein fixer Rhythmus. Kein fester Besuchsplan. Man sollte nicht wissen, ob es Tag war oder Nacht. Ob die Zeit voranging oder bloß ihre Kleider gewechselt hatte. Aber das wusste ich ohnehin. Die Motorräder draußen verrieten es. Tagsüber röhrten sie vorbei mit einer Brutalität, gegen die selbst die Dunkelheit keine Chance hatte. Das war vielleicht der unfreiwillig komischste Kontrast an der Sache: innen Uterus der Ewigkeit, außen Schwarzwald-Biker auf Drehzahl. Unterwelt innen, Verbrennermystik draußen.
Der Freitag verging. Dann der Samstag. Und nichts geschah.
Keine Visionen. Keine Engel. Keine Rückführungen. Kein Batatschuk mit Stirnlampe. Keine tiefe innere Wahrheit, die mich am Kragen packte und sagte: So, Vincent. Jetzt setzen wir uns mal hin. Nur Dunkelheit. Und Stille. Und dieses seltsame langsame Abtragen der Welt. Wenn man lange genug nichts sieht, verlieren Gegenstände ihr Recht auf Existenz. Dann verliert auch der eigene Körper langsam seine Kontur. Wo endet der Fuß. Wo beginnt die Decke. Wo ist oben. Wo unten. Wo überhaupt. Anfangs glaubt man noch, das Dunkel sei nur Abwesenheit. Später merkt man: Es ist ein Medium. Es arbeitet an dir. Langsam. Ohne Argument. Ohne Trost. Es nimmt dir nicht nur das Licht. Es nimmt dir die kleinen alltäglichen Bestätigungen deiner selbst. Den Blick auf die Wand. Die Hand vor dem Gesicht. Den Schatten, der sagt: du bist da.
Irgendwann bleibt nur noch Wahrnehmung ohne Kulisse. Und dann kam der Sonntagmorgen. Oder das, was ich dafür hielt. Und da war es.
Kein Licht. Kein Geräusch. Kein Gedanke im eigentlichen Sinn. Sondern ein Gefühl. Als würde jemand an meine innere Tür klopfen. Nicht körperlich. Nicht psychologisch. Etwas Drittes. Eine Präsenz. Uralt. Tief. Fremd. Und gleichzeitig beunruhigend vertraut. Kein Wesen mit Form. Kein Bild. Kein Mythologie-Poster aus dem Jenseits. Nur Gewissheit. Ich wusste es sofort: Das ist der Gott der Unterwelt. Oder einer von seiner Sorte.
Nicht sichtbar. Aber da. Nicht laut. Aber mächtig. Nicht böse. Aber ernst.
So etwas macht mit einem Menschen etwas Seltsames. Es erschreckt dich nicht auf die normale Weise. Kein Horror. Kein Schock. Keine billige Furcht. Eher eine Schwere. Eine Würde. Als stünde da etwas vor dir, das älter ist als deine Sprache und sich nicht darum schert, ob du es einordnen kannst. Es lud mich ein. So fühlte es sich an. Kein Befehl. Kein Übergriff. Eher ein stilles Öffnen.
Vincent. Komm. Ich zeige dir meine Welt. Nur einen Blick. Es wird interessant.
Natürlich sprach es nicht wirklich in Worten. Es war eher ein Raunen, das durch die Knochen ging. Eine Erinnerung an etwas, das nie geschehen war und trotzdem älter wirkte als mein eigenes Leben. Vielleicht war es genau das, was solche Erfahrungen so schwer erzählbar macht: Sie kommen nicht als Satz. Sie kommen als Gewissheit. Man weiß etwas, das man nie gelernt hat.
Und ja, ich wollte. Ich wollte wirklich.
Da war Neugier. Da war dieser alte Zug in mir, hinter die Kulissen zu schauen. Tiefer. Weiter. Dorthin, wo die anderen umdrehen, weil sie ihre Yogamatte nicht im Schatten verlieren wollen. Ein Teil von mir war längst halb aufgestanden, innerlich, bereit, dem Ganzen zu folgen. Und dann erinnerte sich etwas. Nicht im Kopf. Tiefer. Ein Satz, der längst eingespeichert war. Von einem, der mehr wusste als ich. „Wenn du nicht genau weißt, was mit dir passiert, Vincent, dann sei lieber auf der Hut.“ ZashZash™, du alter Blitz. Ich hörte dich. Nicht als Halluzination. Eher als ein Aufleuchten im richtigen Moment. Dieses paradoxe Flüstern, zart und gefährlich zugleich. Wie immer, wenn Wahrheit nicht geschniegelt daherkommt, sondern mit einem Seitenblick. „Geh nicht mit jedem Schatten tanzen, der deine Hand hält.“ Das war genug.
Also tat ich etwas, das ich selten tue. Ich folgte meinem Instinkt. Nicht der Verheißung. Nicht dem Mysterium. Nicht dem Stolz, jetzt bitte auch noch die Unterwelt tapfer mitnehmen zu müssen, damit die Erfahrung hinterher nach etwas aussieht. Ich meldete mich. Sprach mit meinen Aufpassern. Und bat darum, früher zurück ins Licht geführt zu werden.
Sie kamen. Öffneten vorsichtig die Tür. Und dann: Licht.
Licht!
Es gibt Momente, in denen Licht nicht einfach Helligkeit ist. Es ist Rückkehr. Geburt. Überforderung. Fast Schmerz. Ich blinzelte wie ein Neugeborenes in eine Welt zurück, die mir plötzlich auf eine absurde Weise unwirklich vorkam. Als hätte ich sie nie ganz besessen. Als wäre alles Sichtbare nur eine vorübergehende Übereinkunft, zu der ich jetzt wieder höflich hinzutreten sollte. Die Farben wirkten zu laut. Die Formen zu entschieden. Selbst einfache Gegenstände hatten plötzlich etwas Grobes, Endgültiges. Ein Stuhl war nicht mehr bloß ein Stuhl. Eher ein massiver Beweis dafür, dass Dinge sich dreist festlegen.
Ich setzte mich hin. Allein. Still. Wartend. Dann kam mein Betreuer. Ich erzählte ihm, was ich erlebt hatte. Er nickte. Lächelte. Und sagte: „Das ist toll, Vincent. Normalerweise schlafen die meisten Menschen erstmal drei bis fünf Tage durch. Aber was du da erlebt hast, das ist eher ungewöhnlich.“
Ungewöhnlich.
Das war keine besonders hilfreiche Einordnung. Aber immerhin eine ehrliche. Kein aufgeblasenes Spiri-Blabla. Kein sofortiger Versuch, das Erlebte in ein glitzerndes Narrativ der Selbstwerdung zu pressen. Nur dieses schlichte Wort: ungewöhnlich. Und genau darin lag vielleicht seine Würde. Denn was hätte er auch sagen sollen. „Glückwunsch, Sie haben kurz an der Vorhölle der symbolischen Tiefenpsychologie gekratzt?" Nein. Ungewöhnlich reichte.
Und da war er: der Batatschuk™.
Nicht laut. Nicht spektakulär. Kein Feuerwerk. Kein astraler Zirkus. Ein stiller Kollaps im inneren Code. Ein Moment, in dem mein Bewusstsein kurz die Frequenz wechselte und ich für einen Herzschlag lang das System hinter dem System ahnte. Nicht mit den Augen. Mit der Ahnung. Dieses ganz kurze Wissen, dass unter dem Sichtbaren noch etwas liegt. Etwas, das weder mit Wellness noch mit Erlösung zu tun hat. Etwas Ernstes. Etwas, das nicht schmeichelt.
Ich fuhr zurück. Aber irgendetwas fuhr mit.
In mir hallte etwas nach. Kein klares Bild. Keine Erzählung, die man bei Tee und Räucherstäbchen geschniegelt hätte vortragen können. Eher ein Restdruck. Ein Nachton. Eine offene Klammer im Bewusstsein. Also begann ich zu lesen. Holger Kalweits Dunkeltherapie. Ein Buch über astrale Lichtwelten, Seelenreisen und jene Bereiche, in denen Menschen gern ein bisschen zu sicher klingen, sobald sie das Unsichtbare beschreiben. Ich wollte verstehen. Oder wenigstens den Umriss dessen berühren, was mich da im Dunkeln gestreift hatte.
Ein paar Wochen später versuchte ich es erneut. In der Einliegerwohnung meiner Freundin.
Ich verdunkelte den Raum. Bereitete mich vor. Wollte tiefer. Wollte wissen, ob die Tür sich noch einmal öffnen würde. Ob der Gott zurückkommen würde. Ob ich diesmal mutiger wäre. Oder dümmer. Sechs Tage hielt ich durch. Dann begannen meine Augen zu flackern. Unkontrollierbar. Als würden sie sich gegen das Nichtsehen wehren. Als hätte selbst der Körper irgendwann genug von meiner metaphysischen Neugier. Ich brach ab. Wieder. Der Gott war nicht zurückgekehrt. Aber sein Flüstern war geblieben.
Vielleicht ist das überhaupt das Gemeinste an solchen Erfahrungen: Nicht das Große bleibt. Nicht die Offenbarung. Es bleibt das Flüstern. Die leise Verschiebung. Die Ahnung, dass du an etwas vorbeigekommen bist, das dich wahrgenommen hat.
Und als das Licht wiederkam und die Welt sich erneut zeigte, blieb in mir nur dieses Lied. Kein Triumph. Kein Ergebnis. Kein Zertifikat des erfolgreich absolvierten Dunkelmoduls. Nur dieses Echo aus dem Schatten:
„Ich bin der Welt abhanden gekommen,
Mit der ich sonst viele Zeit verdorben.
Sie hat so lange von mir nichts vernommen,
Sie mag wohl glauben, ich sei gestorben.
Es ist mir auch gar nichts daran gelegen,
Ob sie mich für gestorben hält;
Ich kann auch gar nichts sagen dagegen,
Denn wirklich bin ich gestorben der Welt.
Ich bin gestorben dem Weltgewimmel
Und ruh’ in einem stillen Gebiet.
Ich leb’ in mir und meinem Himmel,
In meinem Lieben, in meinem Lied.“
Friedrich Rückert.
Vielleicht traf mich dieses Gedicht damals so, weil es etwas aussprach, das im Dunkel kein Gedanke gewesen war, sondern ein Zustand. Abhanden gekommen. Für einen Moment aus dem Weltgewimmel herausgefallen. Nicht erlöst. Nicht erleuchtet. Nur nicht mehr ganz anwesend in jener lauten Ordnung, die sonst so tut, als sei sie alles.
Natürlich blieb auch dieses Kapitel nicht ohne den zärtlichen Terror der deutschen Nachsortierung.
Zensurvermerk von Prof. Dr. Rainer H. Rotblech™
Oberregulierungsbeauftragter a. D., Ehrenmitglied der Bundesanstalt für Bildungsnorm und Werteanpassung™ Bad Bergzabern, Sonderbeauftragter im Ausschuss für Dunkelheitsprophylaxe & Lichtpflichtkontrolle
„Ein sogenanntes Dunkelretreat im Schwarzwald, ohne Begleitlektüre aus der Apotheken Umschau, ohne Lichtschutzverordnung, ohne Beichtpflicht? Meine Damen und Herren, wir bewegen uns hier auf einem gefährlichen Grenzpfad zwischen bewusster Wahrnehmungsverweigerung und metaphysischer Eigenmächtigkeit. Dass der Protagonist nicht einmal wusste, was ihn dort erwartete, und dennoch überlebt hat, kann nur auf einen glücklichen Zufall oder eine gewisse emotionale Abstumpfung zurückzuführen sein.
Der zitierte Gott der Unterwelt entspricht keiner anerkannten Figur aus dem offiziellen Patenverzeichnis der europäischen Lichtkultur.
Ferner sei angemerkt, dass Friedrich Rückert zwar ein ehrenwerter Dichter war, aber auch zu depressiven Schwärmereien neigte, was im Kontext schulischer Leselisten streng geprüft werden sollte.
Ich rate dringend zu einem Ausgleichsprogramm mit Tageslichtlampe, einem Bausparvertrag und einem klar strukturierten Tagesplan.
Zum Beispiel:
07:00 Uhr Aufstehen
07:15 Uhr Realität anerkennen.“
Anmerkung für die erweiterte Ausgabe: Bitte dringend das Handbuch zur Realitätspflege™, Kapitel „Vermeidung dunkler Räume“, beilegen."
Erkenntnisschatten™
Manche Götter rufen nicht, um dich zu wecken. Sie prüfen nur, ob du mitgehst. Manche Schatten zeigen sich nicht, damit du sie erkennst. Sie wollen sehen, ob du stehen bleibst. Der Rückzug war kein Versagen. Er war die Entscheidung für ein Licht, das sich nicht beweisen muss. Vincent ging nicht tiefer. Er blieb an der Schwelle. Und sah für einen Moment, dass das Dunkel nicht die Antwort war. Es war die Frage. Vielleicht begann genau dort etwas Echtes. Nicht im Mut zum Sturz. Im Mut, nicht jedem Ruf zu folgen.