„Zwischen Atem und Erinnerung“

Ein literarisches Interview mit Vincent Flink über Schreiben, Identität und die leisen Zwischenräume des Menschseins. Aus dem Resonanz-Magazin für Literatur, Bewusstsein und Zeitfragen.
Von Annika.

Ein Café in Berlin. Regen an der Scheibe. Zwei Tassen Kaffee. Kein Aufnahmegerät. Nur Worte, die bleiben dürfen.


Annika

Vincent, deine Erzählung bewegt sich zwischen Selbstoffenbarung und Widerstand gegen ein funktionierendes Ich. Welche leisen Momente im Alltag bringen dich heute noch dazu, dich zu fragen:

Bin ich noch ich – oder nur ein gut geöltes Zahnrad im System?


Es sind nie die großen Zusammenbrüche.
Es sind die kleinen Sekunden.

Wenn ich auf eine Mail antworte, die höflich klingt, aber innerlich nichts mehr meint.
Wenn ich im Zug sitze und merke, dass mein Körper längst angekommen ist, während mein Inneres noch am Fenster lehnt.

Neulich war es ein Joghurtregal. Zwanzig Sorten. Und die Frage:

Wähle ich – oder funktioniere ich nur schneller?

Da kam sie leise:

Bin ich noch jemand – oder nur ein Ablauf mit Namen?


Annika

Wenn du dann zum Schreiben greifst – wie wird aus einem Alltagsmoment eine literarische Erinnerung?


Es fühlt sich an wie ein leises Kippen der Schwerkraft.
Nicht spektakulär. Eher wie ein inneres „Jetzt nicht weglaufen.“

Manchmal ist es ein Bild.
Ein Stuhl im Wartezimmer.
Eine beschlagene Scheibe.
Eine Hand auf einem Tisch.

Ich schreibe dann nicht, um etwas zu erschaffen –
sondern um nichts mehr zu verlieren.


Annika

Du sprichst vom Schreiben als Faden. Was tust du, wenn dieser Faden zu reißen droht?


Ich halte still.
Ich lege die Hand auf den Tisch.

Und denke nicht: Ich muss schreiben.

Sondern: Ich bin noch hier.

Mein stilles Mantra ist:

Ich darf den Faden verlieren.
Aber ich darf mich nicht verlieren.


Annika

Wie wünschst du dir, dass dieser Faden beim Leser ankommt?


Nicht als Linie.
Sondern als Einladung.

Ich wünsche mir keinen Applaus.
Nur ein kurzes Innehalten.

Vielleicht schließt jemand das Buch, schaut aus dem Fenster
und weiß nicht, warum er gerade weicher ist.

Nicht:

Das ist gut geschrieben.

Sondern:

Das kenne ich.


Annika

Deine Serie beschreibst du als Atemrhythmus. Wie verhinderst du, dass sie zur Erwartung wird?


Indem ich nicht für den Leser schreibe.
Sondern für den Zustand, in dem ich gerade bin.

Jede Episode darf anders sein.
Still.
Zärtlich.
Widersprüchlich.
Leer.
Wach.

Serie bedeutet für mich nicht Wiederholung.
Sondern Rückkehr – an einen anderen Ort.


Annika

Wie erkennst du, wann ein neuer Abschnitt beginnen darf?


Wenn die Stille nicht mehr leer ist, sondern abgeschlossen.

Der neue Zustand beginnt nicht mit einem Satz.
Er beginnt mit einer Erlaubnis:

Du darfst jetzt anders fühlen.


Annika

Wie erlebst du Zeit in diesen Zwischenräumen?


Zeit ist dort kein Pfeil.
Sie ist Wasser.

Ich versuche, sie nicht zu beschreiben, sondern zu respektieren.
Durch Pausen.
Durch offene Sätze.
Durch das, was nicht erklärt wird.

Ich schreibe so, als hätte der Leser Zeit.

Und das ist vielleicht schon Widerstand.


Annika

Was möchtest du den Leser*innen mitgeben, wenn sie nach einer Episode wieder in den Alltag zurückkehren?


Tragt diesen Moment nicht wie etwas Zerbrechliches.
Tragt ihn wie etwas Selbstverständliches.

Fragt euch nicht, wie ihr besser werdet.
Fragt euch nur:

Bin ich gerade noch da?

Und wenn die Antwort nur ein leises „ein bisschen“ ist –
dann reicht das.


Annika

Danke, Vincent.


Danke dir, Annika.
Nicht für die Fragen – sondern für die Art, sie nicht zu besitzen.

Wenn wir uns wiedersehen, wünsche ich mir keine neuen Antworten.

Nur neue Zwischenräume.


Über Annika und Vincent

Annika schreibt für das Resonanz-Magazin über Literatur, Bewusstsein und Zeitfragen. Sie begegnet dabei Autorinnen, Denkern, Künstlern und stillen Stimmen, die weniger erklären wollen als erinnern.

Vincent Flink ist der Autor des Romans:

„Kein Opfer im falschen Spiel“ – ein autobiografisch inspirierter Roman über Identität, System, Liebe, Scheitern und Erinnerung, veröffentlicht als fortlaufende literarische Serie.

Dieses Gespräch ist ein Atemzug zwischen seinen Kapiteln.

Annika und Vincent im Gespräch. Berlin, ein regnerischer Nachmittag.

Annika, das Resonanz-Magazin und dieses Gespräch sind literarische Figuren.
Ihre Aufgabe ist es nicht, real zu sein – sondern wahr.