George Orwell und das große Bla-Bla unserer Zeit
Der Waschsalon war fast leer. Eine Waschmaschine hatte gerade aufgehört zu schleudern. Die Trommel stand still. Die Tür war offen. Das schwarze Schaf saß halb in der Trommel und hatte den Kopf herausgestreckt. Auf einem orangefarbenen Plastikstuhl wartete Sota die Katze. Neben ihr stand ein kleiner Korb mit sauberer Wäsche.
Das Schaf sah zu ihr hinüber. „Sota.“
Die Katze blinzelte langsam. „Ja.“
„Ich habe heute einen Text gelesen. Er klang sehr klug.“
„Das passiert.“
„Aber ich habe nicht verstanden, was er sagen wollte.“
Sota nickte. „Das passiert auch.“
Das Schaf dachte einen Moment nach. „Gibt es dafür einen Namen?“
Sota überlegte kurz. „Ja.“ „Bedeutungsloses Bla-Bla.“
Das Schaf runzelte die Stirn. „Bedeutungsloses Bla-Bla?“
„Ja.“
„Aber warum schreiben Menschen so etwas?“
Sota sprang vom Stuhl und kam ganz dicht an die Waschtrommel heran. Sie begann, ihre Wäsche aus der Trommel zu ziehen. „Darüber hat jemand schon einmal nachgedacht.“
„Wer?“
„Ein Mann namens George Orwell.“
„Der von 1984?“
„Genau der.“
„Der hat über Waschsalons geschrieben?“
„Nein.“ Sota zog ein frisch gewaschenes T-Shirt aus der Trommel. „Über Sprache. 1946 schrieb er einen Essay.“
„Wie heißt er?“
„Politics and the English Language.“
Das Schaf rutschte ein Stück weiter aus der Trommel. „Und was steht darin?“
Sota faltete ruhig ein Hemd. „Eine einfache Beobachtung.“
„Welche?“
„Viele Texte klingen klug.“
„Ja.“
„Aber niemand weiß mehr, was sie sagen.“
Das Schaf nickte langsam. „Das kenne ich.“
Sota setzte sich wieder auf den Plastikstuhl. „Orwell bemerkte etwas Seltsames.“
„Was?“
„Worte beginnen irgendwann selbstständig zu arbeiten.“
„Wie meinst du das?“
„Fertige Phrasen rutschen in die Sätze.“
„Ohne dass jemand darüber nachdenkt?“
„Genau.“ Sota sah zur Waschmaschine. „Orwell schrieb, viele Texte bestehen aus Wortstreifen, die zusammengeklebt werden wie Teile eines Fertighauses.“
Das Schaf sah beeindruckt aus. „Ein Fertighaus aus Worten.“
„Genau.“
„Und wie klingt so etwas?“
Sota überlegte kurz. „Zum Beispiel so.“ Sie räusperte sich leicht. „Ein atmosphärisch dichter Slow Burn, der seinen Figuren Raum gibt.“
Das Schaf blinzelte. „Das klingt wirklich klug.“
„Ja.“
„Was bedeutet es?“
Sota zuckte mit den Schultern. „Das weiß niemand.“
„Oder Tech-Leute sagen Dinge wie“ Sota hob eine Pfote. „Wir skalieren unsere AI-Pipeline über GPU-Cluster.“
Das Schaf sah sie an. „Das klingt sehr technisch.“
„Ja.“
„Was bedeutet es?“
„Dass jemand Computer benutzt.“
Sota legte ein weiteres Kleidungsstück in den Korb. „Oder Marketing-Sprache.“ Sie sagte mit besonders ernster Stimme: „Eine transformative Plattform für nachhaltige Innovation.“
Das Schaf sah verwirrt aus. „Das klingt sehr wichtig.“
„Ja.“
„Was bedeutet es?“
„Dass jemand etwas verkaufen möchte.“
Das Schaf dachte eine Weile nach. „Also hat jede Welt ihre eigenen Wörter.“
„Genau.“ Sota zählte an den Krallen ihrer Pfote ab. „Cineasten sprechen über: Slow Burn. Mise-en-scène. Subtext. Tech-Leute über: LLMs. GPU-Cluster. Prompt Engineering. Politiker über: Transformation. Resilienz. Strategische Partnerschaften.“
Das Schaf nickte. „Die Wörter sind also das Problem.“
Sota schüttelte den Kopf. „Nein.“
„Nicht?“
„Wörter tragen keine Schuld.“ Sie deutete auf die Waschmaschine. „Werkzeuge auch nicht.“
„Und wo liegt dann das Problem?“
Sota dachte kurz nach. „Wenn Werkzeuge anfangen, die Arbeit zu erledigen.“
Das Schaf sah sie fragend an.
„Phrasen springen ein.“
„Wenn Gedanken fehlen?“
„Genau.“
Sota stand auf und sah in den Waschsalon. „Orwell hatte dafür ein schönes Bild.“
„Welches?“
„Große Wörter fallen auf Tatsachen wie Schnee.“
„Schnee?“
„Weich.“ „Dicht.“ „Beruhigend.“ „Und darunter verschwinden die Details.“
Das Schaf nickte langsam.
„Das Internet macht das heute sehr gut.“
„Warum?“
„Weil Texte schnell produziert werden.“ Sota zuckte mit den Schultern. „Artikel klingen kompetent. Algorithmen sind zufrieden. Gedanken werden optional.“
Das Schaf sah wieder zu Sota. „Und was hat Orwell dagegen vorgeschlagen?“
Sota lächelte. „Etwas sehr Einfaches.“
„Was denn?“
Sie hob eine Pfote. „Sechs Regeln.“
„Welche?“
Sota begann aufzuzählen. „Keine Metapher verwenden, die ständig gedruckt auftaucht. Kurze Wörter bevorzugen. Überflüssige Wörter streichen. Aktiv schreiben. Fachjargon vermeiden. Und jede Regel brechen, wenn sonst Unsinn entsteht.“
Das Schaf dachte lange nach. Der Waschsalon war inzwischen völlig still. „Sota.“
„Ja.“
„Und wie merkt man, dass ein Text wirklich etwas sagt?“
Sota sah es an. „Eine einfache Frage hilft.“
„Welche?“
Sota nahm den Wäschekorb. „Was steht hier eigentlich?“
Das Schaf nickte. „Und wenn keine Antwort kommt?“
Sota öffnete die Tür des Waschsalons. „Dann war es wahrscheinlich“. Sie sah über ihre Schulter. „Bedeutungsloses Bla-Bla.“