Fast jeder Mensch trägt ein ungelebtes Leben in sich.
Keine konkrete Erinnerung. Eher eine leise Möglichkeit, die nie ganz verschwindet. Ein alternatives Dasein, das sich manchmal erstaunlich real anfühlt.
Neulich erzählte mir ein Freund von einer Liebe aus seiner Jugend. Sechzehn Jahre alt. Diese seltene, kompromisslose Form von Verliebtheit, die keine Strategien kennt, keine Absicherung, keine Distanz. Und wie es im echten Leben so oft geschieht - es blieb still. Unausgesprochene Gefühle hinterlassen keine sichtbaren Spuren. Sie verschwinden nicht. Sie gefrieren.
Dann kam der Krieg. Geschichte hat ihre eigene Art, Biografien neu zu sortieren. Die Frau verschwand aus seinem Leben. Nicht durch Streit. Nicht durch Entscheidung. Einfach durch Zeit und Umstände. Jahrzehnte später traf er sie wieder. Zwei Menschen, die ein ganzes Leben ohne einander gelebt hatten.
Und dennoch sofort wussten, wer der andere einmal gewesen war.
Irgendwo zwischen Gespräch, Erinnerung und Gegenwart tauchte sie auf - diese unzerstörbare Frage:
Was wäre gewesen, wenn?
Ein anderer Mut. Ein einziges ausgesprochenes Gefühl. Ein minimal verschobener Moment. Vielleicht ein gemeinsames Leben. Vielleicht Kinder. Vielleicht ein vollkommen anderes Schicksal. Niemand weiß es.
Menschen neigen dazu, ungelebte Zeitlinien zu idealisieren. Dort existieren keine Routinen, keine Enttäuschungen, keine langsame Abnutzung durch den Alltag. Das ungelebte Leben bleibt makellos. Gerade weil es nie der Realität ausgesetzt war. Keine Konflikte konnten es berühren. Keine Jahre konnten es verändern. Keine Wirklichkeit konnte es entzaubern. Es existiert ausschließlich als perfekte Möglichkeit.
Und vielleicht liegt genau darin seine eigentliche Schönheit und seine stille Grausamkeit. Denn während wir uns fragen, was hätte sein können, leben wir längst das einzige Leben, das uns tatsächlich gehört.