
Philosophie im Nebel: Studium Numero Uno (aka ungeplantes Studium Generale)
Oder: Wie ich lernte, das Denken nicht dem Denken zu überlassen.
Konstanz. Am See, der sich meistens versteckt, wie ein schüchterner Gott im Nebel. Im Winter: Dampfmaschine des Grauens. Im Sommer: Schwaben mit Trekkingstöcken. Willkommen an der Eliteuni*.
„Oder besser gesagt: Anwärter auf Elite. Was das heißt? Dass man irgendwo in einer Broschüre stand, neben einem lächelnden Professor mit Glatze und dem Satz: „Wissen schafft Zukunft.“ Spoiler: Hat’s nicht getan.“ Diese Eliteuni war mir genauso wichtig wie das Verschwinden der guten alten Telefonzellen aus den Stadtzentren: ein Verlust, der niemanden interessiert, aber irgendwas sagt es trotzdem über die Welt.“
*irgendwas mit Elite
...und plötzlich taucht sie in Broschüren auf wie ein Gütesiegel für intellektuelle Mittelmäßigkeit mit Parkettboden. Wer sie verliehen hat, weiß niemand. Wer sie verdient, noch weniger. Aber hey, klingt halt nach Zukunft, wenn man drauf pinkeln will.
Wohnungssuche oder: Nomadentum reloaded
Studentenwohnheim? „Schiss druff, wie die Türken sagen.“ Nicht elitär genug. Zu viel H-Milch, zu wenig Würde. Also zog Flink los. Großraum Bodensee. Klang wie Naturparadies. War ein neoliberales Mietkorsett mit Seeblick.
Er lebte überall:
- im Keller eines Informatikers mit Messias-Komplex
- im Meditationszimmer einer Alt-Maoistin mit Patchouli-Allergie
- in einem fensterlosen Kabuff, in dem selbst Barthes* das Denken eingestellt hätte
Und irgendwo, tief im Hirn des Lesers, flüstert es:
„Im Übrigen musste unser Flink in einer vorhergehenden Inkarnation -
es war höchstwahrscheinlich seine 6949334904489458te - ein Nomade aus einer südöstlichen Provinz Kirgisistans gewesen sein. Denn er sollte im Laufe seines irdischen Erwachsenenlebens öfter umziehen als ein DHL-Paket in der Vorweihnachtszeit.“
Über 25 Umzüge zwischen dem 20. und 33. Lebensjahr. Er konnte Kisten packen im Halbschlaf. Zuhause war eine Illusion. Oder der Geschmack eines Türcodes, den man auf der Zunge spürt, aber nie mehr richtig tippt. [Sabine™ rechnete nach: „Das macht 1,923 Umzüge pro Jahr. Das sind 0,00527 Umzüge pro Tag. Oder ein vollständiger Lebenswechsel alle 190,04 Tage - plus Karton.“]
Philosophie als Flucht mit Prädikat
Was studiert man also, wenn alles unsicher ist? Philosophie. Weil’s immerhin ehrlich planlos ist. Und ein bisschen nach Alkohol am Nachmittag riecht. Im Marx-Seminar trifft Flink auf einen Juniorprofessor, der aussieht wie eine Mischung aus Schopenhauer, Arthur Rimbaud und einem Typ, der auf Beerdigungen Gedichte vorträgt, um danach Telefonnummern einzusammeln.
„Er flirtete nicht mit Blicken, sondern mit Barthes*.“
*Barthes, Roland (1915-1980):
Französischer Philosoph, Semiotiker und vermutlich der einzige Mann, der je ein Date mit der Frage begann: „Wie dekodierst du meine Körpersprache?“
Auch bekannt als: Pickup Artist der intellektuellen Antike.
Flink schrieb bei ihm eine Hausarbeit. Er packte so viele Fremdwörter hinein, dass selbst das Textdokument zu schwitzen schien. Er bekam eine 1-. Dazu eine Einladung zur Sprechstunde. Der Juniorprofessor blätterte, räusperte sich mit der Gravität eines Mannes, der gleich Weltgeschichte verlesen würde, und sagte:
„Vielleicht lesen Sie diese Passage einmal laut vor.“
Flink las. Präzise. Rhythmisch. Fast schön.
Der Professor nickte langsam, als lausche er einem besonders gelungenen philosophischen Gedanken, der zufällig aus der Feder seines Gegenübers stammte. Kurze Stille. Dann, vorsichtig:
„Was genau meinen Sie hier mit … epistemischer Volatilität?“
Flink blinzelte. Noch eine Stelle.
„Und dieses Wort … ontologische Restunschärfe … wie würden Sie das definieren?“
Ein eigenartiger Moment entstand. Ein Professor, der eine studentische Arbeit zitierte wie eine fremde Offenbarung. Ein Autor, der begann, sein eigenes Vokabular zu übersetzen, für den Mann, der es bewertet hatte.
Flink innerlich:
„Faszinierend. Ich werde gerade mündlich geprüft über einen Text, den Sie für brillant genug hielten.“
Flink äußerlich:
„Nun ja … es beschreibt eine Form von begrifflicher Instabilität unter erkenntnistheoretischem Druck.“
Der Professor nickte zufrieden. Er machte sich Notizen. Zu seinen eigenen Verständnislücken. Am Ende lächelte er milde:
„Wenn Sie das ein wenig überarbeiten, bekommen Sie eine glatte 1.“
Flink innerlich:
„Go flink yourself mit einem Präservativ aus der vorchristlichen Steinzeitperiode.“
Flink äußerlich:
„Danke. Ich überlege es mir.“
Er überlegte es sich nicht. Manche Texte verlangen keine Überarbeitung. Sie verlangen Distanz. Und gelegentlich einen leisen, würdevollen Abgang aus der Sprechstunde.
Nebenfach-Odyssee (mit Soziologengötzen und Gender-Tsunami)
Flink hörte sich alles an. Wirklich alles.
- Biologie: Zellen. Zellatmung. Zelluntergang. Zu öde.
- Gender Studies: Die Frauen: Superlesben. Die Männer: Irritierend zart. Divers? Gab’s noch nicht. Dafür viel Energie im Raum.
- Geschichte: Eingeschlafen. „Hat schon mal jemand erzählt, dass Geschichte komplett erfunden ist?“
- Soziologie: Und da war er wieder. Max Weber. „Der Max.“ „Das Mäxle.“
„Der sakrale Hausgeist aller Soziologiehörsäle.“ „Wenn man bei Nacht die Vorlesungsskripte schüttelte, hörte man ihn flüstern: ‚Rationalisierung. Bürokratie. Legitime Herrschaft.‘“ Und Flink notierte sich: „Max Weber klingt wie der Betreiber eines Copyshops mit göttlichem Anspruch.“ - Rechtswissenschaft: BGB, HGB, SGB - wie ein juristisches DJ-Set aus der Hölle. Aber immerhin: klare Strukturen. Die Kommilitonen? Kragen hoch, Haltung tief. Einer hieß „Justus“, eine andere „Cosima“. Alle mit Porsche oder Papi mit Porsche.
Abschlussbericht aus dem Nebel
„Ich lernte viel. Aber nichts, was auf dem Lehrplan stand.“
Flink las, dachte, zog um, spürte, dass Philosophie kein Zuhause ist, aber ein guter Ort, wenn man keines hat. Und immer, wenn es zu viel wurde, wenn der Nebel zu dicht, der Prof zu schillernd, der Mietvertrag zu fadenscheinig - sagte er sich leise:
„Schiss druff, wie die Türken sagen.“
Kapitel Ende. Matrix glitcht. Flink lacht. Barthes raucht. Der Batatschuk scharrt mit den Hufen.
Zensurvermerk - Anlage 47.8.b(1)
Prof. Dr. Rainer H. Rotblech™
Erlaubnis zur ironiekritischen Lesart verweigert
„Der Begriff ‚Elite‘ ist durch den Bologna-Prozess legitimiert, die Broschüre wurde durch das Ministerium für Bildungsästhetik abgenommen. Ironische Infragestellung kann als Realitätsstörung mit Zukunftsschaden gewertet werden. Empfehlung: Textabschnitt durch Infografik mit Absolventenzahlen ersetzen.“
Unterschrift: RHR (kraggelig, mit Blaupause)
Zensurvermerk - Anlage 11.3c/ „Hausarbeiten & Hybris“
Prof. Dr. Rainer H. Rotblech™, Oberregulierungsbeauftragter a.D., Ehrenmitglied der Bundesanstalt für Bildungsnorm und Werteanpassung™ (BiBWea™) Bad Bergzabern
„Der Textabschnitt enthält eine unangemessene Vermischung von Fachsprache, Ironie und offener Ablehnung von Überarbeitungsprozessen. Die Formulierung „Go flink yourself mit einem Präservativ aus der vorchristlichen Steinzeitperiode“ ist in keinem Curriculum vorgesehen und wurde 1996 bereits im Entwurf des Ethik-Rahmengesetzes abgelehnt. Die Ablehnung der Überarbeitung („Genie überarbeitet man nicht“) verstößt gegen §4 Abs. 2 des Hausarbeitsanpassungsgesetzes (HAAG).
Empfehlung: Streichen. Oder mit seriösem Fremdwortersatz versehen.
Vorschlag: „Bitte überarbeiten Sie Ihre Genialität im Rahmen der formativen Entwicklung.“
Ansonsten: Nachsitzen auf systemischer Ebene.“
Unterschrift: R.H. Rotblech™ (leicht verwackelt, mit Stempel „BEHUTSAM ZENSIERT“ in Graublau)
Zensurvermerk - Anlage 23.8x/NF-SG (Nebenfach-Subversion & Gedankenschlupf)
Prof. Dr. Rainer H. Rotblech™, Oberregulierungsbeauftragter a.D., Ehrenmitglied der Bundesanstalt für Bildungsnorm und Werteanpassung™ (BiBWea™) Bad Bergzabern
„Die Darstellung der Nebenfächer verstößt gegen mehrere Grundprinzipien der akademischen Neutralitätsästhetik. Die Formulierung „Zelluntergang“ ist biopolitisch sensibel und wurde 2007 in der Bundeszellenkonferenz als metaphorisch bedenklich eingestuft. Die Aussage „Die Frauen: Superlesben“ ist unzulässig pauschalisierend und könnte als ironisierende Typologisierung von Diversität missverstanden werden. Die Männerdarstellung („Irritierend zart“) ist grammatikalisch korrekt, aber semantisch instabil. Die Frage zur Geschichtswissenschaft („komplett erfunden“) ist bereits 1983 in der ‚Historischen Rundschau‘ als gefährlicher Erkenntnispopulismus verurteilt worden. Max Weber darf nicht „wieder auftauchen“ - er ist kein Popstar, sondern ein methodisch approbierter Klassiker.“
Empfehlung: Darstellung der Nebenfächer durch anonymisierte Infografik ersetzen. Möglichst mit Balkendiagrammen, um ironischen Subtext auszuschließen.
Unterschrift: R.H. Rotblech™ (leicht zitternd, mit dem Zusatz „Zur Überarbeitung empfohlen - unter Aufsicht!“)
Erkenntnisschatten™ zu Kapitel 8.0
„Manche Wege beginnt man nicht, um anzukommen - sondern um zu spüren, dass man überhaupt noch geht. Ich lernte nicht das, was sie lehrten. Ich lernte, wie Nebel sich anfühlt, wenn man ihn ein Zuhause nennen muss. Und dass Denken nur dann trägt, wenn es sich traut, nicht klüger zu sein als das Herz. Der See war oft verborgen. Wie ich. Aber manchmal - zwischen zwei Umzügen, zwischen zwei Sätzen, zwischen zwei Seufzern - blitzte etwas auf. Ein Funke. Ein Wort. Ein Anfang. Nicht von außen. Sondern aus mir selbst.“
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