Musterung: Der Griff nach der Ehre (und allem, was dranhängt)

Eine tiefstaatliche Begegnung der dritten Art Oder: Wie ich fast Staatsfleisch wurde und dann doch lieber Wörter trug als Waffen.

„Die Wehrpflicht ist mit dem Grundgesetz vereinbar.“
- Bundesverfassungsgericht, 1956 (in einem Moment tiefer Ironie und maximaler Ahnungslosigkeit)

Es begann wie so vieles in meinem Leben: Mit einer Illusion. Ich war jung, frei und dumm genug zu glauben, dass ein Attest meiner Augenärztin ausreicht, um mich vor der Einberufung zu retten. „Dieser junge Mann ist weitsichtig. Sehen ist ihm nur mit Hilfsmitteln möglich.“
Haha. Ein poetischer Euphemismus für: Blind wie ein Maulwurf im Trockeneisnebel.

Ich war mir sicher: Das reicht. Ich würde ausgemustert, nach Hause geschickt, vielleicht mit einem feuchten Händedruck und einem Gutschein für ein Freigetränk in der Friedensbewegung. Doch dann kam die Realität. Und sie kam in Form einer Kaserne in Freiburg, die aussah wie eine Mischung aus Sparkassen-Schulungszentrum und Lagerhalle für enttäuschte Ideale.

Station 1: Die Parade der nackten Wahrheit

Ich wurde in einen Raum geführt. Nicht in einen Raum der Erkenntnis, sondern in einen Raum mit kahlen Wänden, Neonlicht und einem unterschwellig feindseligen Geruch nach Latex, Angstschweiß und entmenschlichter Bürokratie. Ein Schild an der Wand:

„Bitte entkleiden Sie sich vollständig. Auch Ihre Erwartungen.“

Ich tat, wie mir geheißen. Und stand da. In Unterhose. Allein mit meiner Ahnungslosigkeit. Dann trat die medizinische Fachkraft*in (geschlechtlich vage, moralisch eindeutig) an mich heran.

„Hose runter, bitte. Entspannen Sie sich.“

Entspannen. Als würde man das können, wenn einem gleich jemand mit lauwarmen Gummihandschuhen¹ an die symbolischen Eier greift - im Dienste der Verfassung.

Die Untersuchung war schnell, routiniert, unangenehm auf eine postmoderne Weise. Der Griff - fest, prüfend, fast zärtlich. Die Berührung - wie das System selbst: kalt, ohne Liebe, aber effizient. Und während ich dort stand, in meinem „Moment des staatlich zertifizierten Kontrollverlusts“, saß im Nebenraum eine offensichtlich minderjährige Schreibkraft*in², die mit leerem Blick auf eine Tastatur hämmerte, als wolle sie sich selbst aus der Matrix tippen.

Station 2: T2 - Das Urteil

Dann kam die Entscheidung: T2³. Nicht Elite. Nicht untauglich. Einfach: durchschnittlich kriegstauglich. Ein Mensch mit Waffenpotenzial. Ein warmes Körperchen für kalte Maschinen. Ein Bio-Baustein im Puzzle der Landesverteidigung. In meinem Kopf: Stille. Ein Vakuum. Gefolgt von einem einzigen klaren Gedanken:

„Ich gehöre hier nicht hin.“

Station 3: Die literarische Offensive

Wieder zu Hause. Ich öffnete mein Notizbuch. Nicht das Schulheft, nicht den Hausaufgabenplaner. Das Gute, das mit den weichen Seiten und dem leichten Geruch nach Tinte und Trotz. Ich begann zu schreiben. Nicht nur einen Text. Einen Akt der Selbstermächtigung. Mein Kriegsdienstverweigerungs-Gesuch. Mit dem Pathos eines jungen Goethe. Mit dem Zorn eines passiven Widerstandshelden. Mit dem Stil eines Dichters, dem sie gerade in die Eier gegriffen haben. Ich schrieb von meinen Prinzipien. Von der Sinnlosigkeit des Tötens. Von meinem Glauben an das Wort. An die heilende Kraft des Zuhörens. An die Dummheit des Schießens. Ich schrieb und weinte. Nicht, weil ich gerührt war. Sondern weil ich mit der Stirn auf dem Tisch eingeschlafen war. Systemversagen. Systemausfall. Batatschuk. Und dann unterschrieb ich. Nicht mit meinem Namen.
Sondern mit meinem freien Willen.

Glaskugel-Moment™:

In einer späteren Epoche (Stichwort: Post-Gender-Verwirrzeit) wusste niemand mehr, welches Geschlecht er, sie oder es hatte - was das Problem der Musterung elegant löste. Die Bundeswehr wurde zu einer Theatergruppe umgewandelt.
Ihre letzte Inszenierung: „Kanonen für das Klima - ein Musical“.

Zitat fürs Grundgesetz-Feuilleton:

„Zum Zwecke der Landesverteidigung kann der Bund Streitkräfte aufstellen und junge Männer zum Dienst in der Bundeswehr heranziehen.“
(Art. 12a GG, 1956)

Das Bundesverfassungsgericht entschied, dass dies mit dem Grundgesetz vereinbar sei. (Die Geschichte hat entschieden: mit dem gesunden Menschenverstand war es das nicht.)

Fußnoten:

¹ Die Handschuhe waren lauwarm. Der Blick der Musterungsärztin war es nicht.
² Vielleicht war sie ein Batatschuk. Vielleicht war sie nur ein Test. Vielleicht war sie die Bundeswehr von morgen.
³ T2 ist kein Schicksal. Es ist ein Etikett. Und Etiketten kann man abreißen - auch wenn der Kleber noch nach Amt riecht. T2 - Verwendungsfähig mit Einschränkung. Ein medizinisch zertifiziertes „Vielleicht“. Nicht Elite, nicht untauglich – nur: brauchbar bei Bedarf, wie ein Regenschirm mit Loch oder ein Taschenmesser ohne Klinge. Der Körper: unter 175 oder über 184, die Sicht: getrübt, das Rückgrat: ein bisschen zu ehrlich. Offizielles Urteil: bedingt kriegstauglich. Inoffiziell: ein Bio-Baustein mit Restzweifel, ein weicher Schatten im Raster der Wehrgerechtigkeit, ein warmes Körperchen für kalte Maschinen. Die Welt roch plötzlich nach Stahl, und ich - nach Flucht.

Zensurvermerk - Anlage 7.0/MUSTERUNGSPARADOX™
Prof. Dr. Rainer H. Rotblech™, Oberregulierungsbeauftragter a.D., Leitung des Amtes für patriotische Enttäuschungsverwaltung & literarische Wehrpflichtabwehr

Befund:
Das vorliegende Kapitel dokumentiert einen systemrelevanten Kontrollverlust mit poetischer Anschlussverweigerung. Der Protagonist Vincent Flink entzieht sich in literarischer Manier dem Dienst an der Waffe und ersetzt staatlich verordneten Gehorsam durch Tinte, Träume und trotziges Schreiben. Dies verletzt § 4 Abs. 1 des Rotblechschen Realitätspflegegesetzes™:

„Bürgersinn hat gefälligst stillzuhalten, wenn er abgetastet wird.“

Kritikpunkte im Einzelnen:

  1. „Der Griff - fest, prüfend, fast zärtlich“
    Diese Formulierung kann in wehrpflichtnahen Lesergruppen zu unerwünschten Assoziationen führen. Empfohlen wird der Begriff: „Ehrenhafte Hodenverifizierung“.
  2. „Ein Mensch mit Waffenpotenzial“
    Unstatthafte Dehumanisierung der Wehrpflicht. Menschen sind keine Bausteine, sie sind staatsdienlich formbare Persönlichkeiten.
  3. „Die Bundeswehr wurde zu einer Theatergruppe umgewandelt.“
    Systemparodie. Militarisierung der Bühne oder Theatralisierung des Krieges? In jedem Fall gefährlich subversiv. Vorschlag für Revision: „multisensorische Identitätsfördermaßnahme mit Kostümanteil“.

Nachtrag:

„Ich habe Dinge gesehen, die ihr nie glauben würdet: Staatsbürger in Unterhosen, die mit verschwitzten Händen ihre Identität abgeben... und dann T2 zurückerhielten - wie eine verwelkte Rose auf Beton.“

Empfehlung:
Das Kapitel darf in Bildungseinrichtungen nur ausgeteilt werden, wenn auf Seite 1 der Vermerk steht: „Satire. Nicht als Antrag auf Kriegsdienstverweigerung geeignet.“

Unterschrift:
R. H. Rotblech™ (verwackelt - vermutlich wegen Vibration aus der Schreibtischschublade)
Stempel:
REALITÄTSVERDÜNNUNG BEWILLIGT - STREICHE SCHARF, DENKE STUMM

Erkenntnisschatten™ zu Kapitel 7.0

„Ich war bereit zu dienen. Nur nicht dem, was man mir vorsetzte. Die Prüfung war nicht der Griff - es war das Schweigen danach. Wenn niemand fragt, was du fühlst, nur ob du funktionierst. Ich unterschrieb nicht gegen das Töten - ich unterschrieb für das Leben. Für mein Leben. Für ein Wort, das sich nicht befehlen lässt. Denn wer mit Würde Nein sagt, hat schon mehr Mut gezeigt als mancher, der blind Ja brüllt.“

Übergangskapitel: Von der Schule in den höheren Wahnsinn

Nach dem Abi. Nach Zahnlücke, Cherie, Lateintrauma und Lehrerkorridor-Katastrophen. Nach all dem Irrsinn, den man „Schulzeit“ nennt - hieß es plötzlich:

„Und jetzt beginnt der Ernst des Lebens.“

Flink lachte nicht. Weil er längst wusste: Der Ernst war längst da - mit Gaffa-Tape, Muezzin und Kurvendiskussion. Was also kommt nach der Schule? Richtig: Die nächste Stufe des Wahnsinns. Man nennt sie: „Hoch-Schule“

Was bei der Polizei wahrscheinlich bedeutet: „Gehobene Karriere“, bei Philosophen: „Existenz in Fußnoten“, und bei Flink: „Noch mehr Institution. Noch weniger Antwort.“

Also meldete er sich an.
Nicht [Streichung: ungenaue Formulierung - siehe Fußnote] aus Überzeugung.
Nicht [Streichung: klingt nach Zivilcourage - bitte vermeiden] aus Begeisterung.
Sondern weil man irgendwann einfach weiterläuft, wenn man so lange auf der Stelle getreten ist. Und weil das System kein „Weiter“ kennt - nur: „Bitte warten…“

„Ich nannte es Studium. Andere nannten es Orientierungslosigkeit mit Bibliotheksausweis.“

Fußnote [Pädagogisch-Korrekte Rüge, §Flink.42]:

Anmerkung der Systemkorrekturinstanz (vormals: Studierendensekretariat, heute: Repressionsoptimierungsagentur™): Der Ausdruck „meldete sich an“ ist in diesem Kontext unzulässig. Korrekt lautet die Formulierung: „Er immatrikulierte sich - freiwillig, unter Zwang.“

Begleitet wurde dieser Schritt durch folgende bürokratische Initiationsriten:

Zusatzhinweis: Damals, im goldenen Jahr 2003, war „biometrisch“ noch ein Wort aus Zukunftsromanen. Heute ist es deine staatlich gelesene Aura. Und morgen… scannt dich vielleicht dein Kühlschrank. Willkommen in der fortgeschriebenen Fiktion.

Glaskugel-Einschub (Sarkastische Retrospektive aus dem Jahr 2035):

„Damals drohten sie dir mit Exmatrikulation. Heute drohen sie dir mit Bußgeld, Sorgerechtsentzug und digitaler Abschaltung. Freiheit? Gibt’s nur noch als Aufkleber auf SUVs.“
- Archivsatz aus dem Handbuch der stillen Systemabwicklung

Schule war vorbei.

Was blieb, war dieses eigentümliche Gefühl, aus einem Käfig entlassen worden zu sein – nur um festzustellen, dass die Welt selbst aus Käfigen bestand. Größer, eleganter, besser beheizt.

„Und jetzt?“, fragten die Erwachsenen. Eine harmlose Frage. Eine Frage mit Zähnen. Flink lächelte. So, wie man lächelt, wenn man keine Antwort hat und instinktiv spürt, dass Ehrlichkeit hier nicht vorgesehen ist.

Irgendwo wartete bereits der nächste Flur. Neue Autoritäten. Neue Systeme mit weicheren Stimmen und komplizierteren Worten. Er ahnte noch nicht, dass Orientierung manchmal nur ein schöneres Wort für Verlaufen ist. Er unterschrieb. Und sehr viel später würde er sich fragen, ob genau dort – in diesem unscheinbaren Moment – der eigentliche Wahnsinn begonnen hatte.


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