
Willkommen in der Ära der aufgeschobenen Eruption
(Ein Ritt durch das humanistische Gymnasium mit Stil, Stuss und steifem Leerkörper)
Der Übergang war fließend wie der Schleim in einer Petrischale:
Vom kindlichen Staunen in die verkniffene Vorpupertät, wo Erektionen häufiger waren als echte Antworten auf existenzielle Fragen. Und doch, irgendwo zwischen den Versmaßen Ovids und dem süßlichen Duft von Faber-Castell-Radierern, lag sie: Die Ära der aufgeschobenen Eruption.
Humanistisch, versteht sich. Mit Stil. Und Latein. Und Leuten, die lieber Cicero zitierten als Schüler verstanden.
Das Gymnasium St. Augustinus – ein elfenbeintürmiger Albtraum in Gelbtönen – war ein Ort, an dem Leerkörper nicht Wissen vermittelten, sondern vor allem sich selbst verwalteten. Sie trugen Cordhosen, Faltenrock, Arroganz und die Überzeugung, dass ihr Zynismus ein Zeichen von Intelligenz sei.
Philipp „The Devil“ – Das galoppierende Rätsel
Er war da, lange bevor man wusste, wie man pubertiert. Er wieherte, er glänzte, er zerriss in der Umkleide kabellos Herzen. Philipp, der selbsternannte Pferdeflüsterer mit dem faustgroßen Ego.
Niemand wusste, was genau in seiner Psyche dampfte – doch der Ausdruck „pervers, aber pferdegestützt“ kam der Sache recht nah.
„AlMopraLa™!“, pflegte er morgens zu rufen,
die allmorgendliche pralle Latte, wie Mutter Natur sie meinte, bevor Religion kam!
Heute? Vielleicht betreibt er tatsächlich das Bestattungsinstitut seines Vaters – mit einer Corvette in Metallic-Blau, die er auf Beerdigungen mit halber Latte einparkt, während er Verstorbenen zuraunt:
Jetzt wird nicht mehr geritten – nur noch gelegen.
Wer weiß das schon. Das Archiv schweigt. Oder lacht.
Intermezzo: Die verlorene Unschuld auf Perserteppichbasis
Geburtstagsfeiern im adolescenten Zwischenreich – zwischen Stimmbruch und Statussymbol – sind wie Glaskugeln mit Sprung: Man sieht die Zukunft, aber nie ganz klar. Ein Mitschüler – nennen wir ihn Richard (Glaskugel-Moment™: heute verheiratet mit einem Mann und stolzer Besitzer einer exzellent sortierten Gin-Bar) – hatte eingeladen. Es war eine dieser Feiern mit Übernachtung, Wohnzimmerblick über die Kleinstadt und der eleganten Aura von „wir dürfen alles, solange die Eltern beim Golf sind“.
Richards Vater war Urologe. Ein charismatischer Mann mit weißem Kittel, dezentem Jargon und der unangenehmen Angewohnheit, seinen Sohn in der Öffentlichkeit stets „mein Lumlum“ zu nennen. Eine Verniedlichung, die so tief ging, dass selbst Vincent sich beim ersten Hören kurz an der Limo verschluckte. Heute würde man sagen: Das Trauma hatte einen liebevollen Ursprung – und einen Namen. Der Lumlumismus™ war geboren. Und die Party?
War der erste Feldversuch.
Vincent war jung. Zwölf? Vielleicht dreizehn. Mit Halbwissen bewaffnet und einem Gefühl in der Brust, welches später als „Überforderung mit Stil“ in seine Akte aufgenommen wurde. Die Villa: hell, teuer, weitläufig. Der Vater: Urologe. Die Kinder: allein. Die Realität? ein bisschen zu erwachsen.
Auf dem Fernseher lief etwas. Kein Trickfilm. Kein Western. Sondern: Ein Film mit explizitem Bildungsauftrag der oralen Art. Eine Frau – bemüht. Ein Mann – zufrieden. Vincent – fassungslos. Die anderen? Gelangweilt oder amüsiert. Er schaute weg. Innen war etwas gekippt. Noch nicht gebrochen, aber gekippt.
Dann: Szenenwechsel. Wohnzimmer. Heller Perserteppich (echt oder nicht, teuer auf jeden Fall). Und eine Bong. Eine Apparatur, die für Vincent aussah wie eine Vase, die sich für ein Raumschiff hielt. Blubbern, Lachen, Rauch – alles war ein Spiel, ein Ritual ohne Anleitung. Dann stand das Ding plötzlich vor ihm. Ein Feuerzeug in der Hand. Das Gras glühte. Vincent zündete – und pustete. Ein Fehler. Das glühende Kraut erhob sich wie ein feuerspeiender Phönix des Scheiterns und landete – mitten im weißen Teppich. Ein Brandloch. Klein. Aber
von biblischer Symbolkraft. Alle erstarrten. Für einen Moment wurde die Pubertät
angehalten wie ein VHS-Band. Dann vergaßen sie es. Wie man alles vergisst, was nicht sofort in Social Media landet.
Später verschwand Philipp „The Devil“ mit einem Mädchen im Zimmer von Richards Schwester.
Und Vincent? Er schlief ein. Nicht wie ein Baby. Sondern wie jemand, der zum ersten Mal spürte:
Die Welt ist schneller, als ich laufen kann.
Fußnote 3.14†: Die Bong – Kulturtechnik mit Glutschadenpotenzial
Eine Bong™ ist kein Blasinstrument, auch wenn der Name es nahelegt. Sie ist ein
rituelles Rauchgerät, traditionell genutzt von Menschen, die sich der kontemplativen Lähmung hingeben möchten. Der Aufbau erinnert an eine Kreuzung aus Lavalampe und Sauerstoffflasche, nur mit mehr Glas und weniger Zukunft. Die korrekte Anwendung verlangt das Zusammenspiel von Feuer, Atemtechnik und Gleichgültigkeit: Man zündet das Kraut an, zieht gleichzeitig an einem oberen Mundstück, sodass der Rauch durch das Wasser gezogen wird und dabei angeblich „gefiltert“ wird (was ungefähr so effektiv ist wie ein Duschvorhang bei einem Vulkanausbruch). Wichtig: Man zieht den Rauch an. Nicht hineinblasen. Wer Letzteres tut, produziert das gefürchtete Bong-Geysir-Syndrom™ – eine Mischung aus glühendem Grasregen, sozialer Ächtung und im schlimmsten Fall einem Brandloch im geerbten Perserteppich. Erkenntnis des Tages: Wer die Bong für eine Blumenvase hält, sollte lieber Salbei räuchern. Oder Tee trinken. Oder einfach schlafen.
Fußnote 12¾†: Lumlumismus™ – Eine Theorie über die langfristige Wirkung verniedlichender Kosenamen auf die Identitätsentwicklung
Ein interdisziplinäres Forschungsfeld, das sich mit der Hypothese beschäftigt, dass
übergriffige Verniedlichungen im Elternhaus – insbesondere in Verbindung mit
medizinischer Fachsprache – zu semantischen Mikrotraumata führen können.
Symptome: Irritation beim Hören des eigenen Namens, allergische Reaktionen auf
Diminutive, überdurchschnittlich häufiges Auswandern nach Berlin oder sexuelle
Orientierung jenseits der heteronormativen Dienstvorschrift. Besonders kritisch:
Kombinationen aus Verniedlichung und Berufsbezug („mein kleines Herzchirürglein“, „mein Lumlum“). Der Lumlumismus™ gilt als Sonderform des Nominaltraumas und ist laut Flinkiversum™ in 84 % aller Gin-Bars retrospektiv nachweisbar.
Glaskugel-Moment 3.14π™
Im Jahr 2089 wird dieser Teppich in einem Museum für Jugendmythen als „Objekt des mentalen Erwachens“ ausgestellt. Neben dem Brandloch: ein Zitat von Vincent Flink:
Ich wollte doch nur dazugehören. Aber das Feuer war schneller.
Zensurvermerk – Anlage 3.π/RAS (Reifegradabsenkung durch Substanzgebrauch)
Prof. Dr. Rainer H. Rotblech™, Oberregulierungsbeauftragter a.D.
Vorsitzender des Ausschusses zur Reintegration moralischer Maßstäbe im literarischen Nachwuchsbereich
Betrifft: Kapitel 3.0 – Intermezzo: Die verlorene Unschuld auf Perserteppichbasis™
Befund:
Der Autor schildert eine sogenannte „Geburtstagsfeier“ im Kontext des vorpubertären Selbstfindungsversagens mit beunruhigender Detailtiefe. Die Darstellung eines improvisierten Substanzmissbrauchsgeräts (vulgo: Bong), gepaart mit einem medialen Exzess (vulgo: expliziter Film), bildet ein explosives Amalgam aus pädagogischem Kontrollverlust und ästhetisch subversiver Erinnerungskultur. Das Brandloch auf dem Teppich wird nicht nur als
thermischer Zwischenfall geschildert, sondern – man höre und erröte – symbolisch überhöht.
Kritikpunkte:
- Die Metapher des „feuerspeienden Phönix des Scheiterns“ könnte jugendliche Leser zu stilistischer Überidentifikation verführen.
- Die Erwähnung des Berufs des Vaters als „Urologe“ ist unnötig – es sei denn, dies dient einem künftigen medizinischen Nebenschauplatz.
- Der Glaskugel-Moment mit Museumsbezug unterwandert das Vertrauen in museale Neutralität.
- Die Formulierung „Nicht wie ein Baby. Sondern wie jemand, der zum ersten Mal spürte: Die Welt ist schneller, als ich laufen kann.“ wird als literarisch gefährlich eingestuft: zu gut, um zensiert zu werden – und gerade deshalb verdächtig.
Empfehlung:
- Die Szene ist eindeutig zu nuanciert, um gestrichen zu werden.
- Bitte kennzeichnen Sie sie mit einem Warnhinweis zur Retroaktivität pubertärer Traumata.
- Fügen Sie bei Bedarf einen ironischen Disclaimer hinzu, etwa:
„Diese Szene entstand unter dem Einfluss von Erinnerung, Nichtaufarbeitung und literarischer Sublimation. Alle Brandlöcher sind rein metaphorisch. Wahrscheinlich.“
Stempel:
„Ästhetisch bedenklich – literarisch unangreifbar“
Unterschrift: R.H. Rotblech™ (leicht verwischt, vermutlich durch moralisches Schwitzen)
Erkenntnisschatten™ zu Kapitel 3.0
Die Welt kam mir entgegen wie eine Flut aus Bildern, Rauch und Geräuschen – und ich hatte nur ein Kinderherz und ein paar gute Manieren. Ich wollte dazugehören, aber ich wusste nicht, wie man das macht – ohne sich selbst zu verlieren. Manche Feuer brennen nicht, um dich zu verletzen – sondern um dir zu zeigen, wer du wirklich bist.
Hier geht es weiter zum nächsten Kapitel:
← zurück zu Kapitel 2.0
→ Das nächste Kapitel erscheint kommenden Samstag.
Falls du noch ein wenig bleiben möchtest:
Die Menschen dieses Buches findest du im Dramatis Personae.
Seine Worte im Glossar.
Wenn du magst, schick dieses Kapitel weiter.
Weitergabe erlaubt.
Zu Nebenwirkungen lesen Sie bitte dieses Kapitel.
Empfohlene Tagesdosis: Weiterreichen.