
Der Geschmack von Gestern - Flink im Archiv der Gefühle
Es war ein grauer Nachmittag im Inneren des Erinnerungs-Kabinetts, als Vincent Flink zum ersten Mal seit Äonen wieder das Regal mit der Aufschrift
„Emotionen – ungefiltert, ungesichert, unbenutzt“ betrat.
Staub tanzte in der Luft wie betrunkene Elfen auf einem Synthesizer.
Jede Schublade knarrte wie eine alte Wahrheit, die man zu lange ignoriert hatte.
Er zog einen vergilbten Karteikasten hervor:
Frühjahr 1997 – Duft von Teen Spirit und überdosiertem Axe Alaska.
Ein Seufzer entwich ihm, halb Rülpser, halb Gebet.
„Hier also begann mein Untergang – oder mein Aufstieg. Je nachdem, wie man es rechnet. Ich war jung. Dumm. Und überzeugt, dass ich nie Teil der Matrix war.“
Im Hintergrund säuselte eine Stimme:
Willst du diese Erinnerung wirklich öffnen?
Sie enthält:
3 Teile Fremdscham,
2 Teile ungelebte Liebe,
1 Teil peinliches Schulreferat.
Flink zögerte keine Sekunde.
Mit zittriger Hand schob er den Projektionsschieber in den Neo-Emotionalrekonstruktor 3000™ – ein Gerät, das aussah wie ein VHS-Rekorder, gebaut aus Walkman-Teilen und Kichererbsen.
Und plötzlich war er wieder dort.
In einem stickigen Klassenzimmer.
Die Kreide quietschte.
Die Lehrerin spuckte Konsonanten in Morsecode.
Und Knutsch-Ulrich plante bereits seinen Doktortitel in
„Raumvolumenberechnung bei Umzugswagen“.
Im Hintergrund roch es nach aufgeplatzten Träumen und Leberkässemmeln.
„Warum tut das noch weh?“ flüsterte Flink.
„Weil du es nie zu Ende gelacht hast“, antwortete seine innere Stimme.
Oder war es Brunhilde? In Frequenzfragen konnte man sich nie ganz sicher sein.
Auf einmal hörte Vincent ein dumpfes Rauschen aus dem Neo-Emotionalrekonstruktor 3000™.
Ein Funke schlug über.
Ein Zucken durchfuhr ihn – elektrisch, altbekannt.
„Autsch!“
Dann: eine neue Erinnerung.
Wie ein Software-Fehler im Holodeck.
Bild flackert.
Ton springt.
Und plötzlich war er wieder dort.
Geschichtsunterricht.
Renaissance.
Der Lehrer: ein faltiges Wesen mit mausgrauer Aura und einer auffälligen Faszination für Fledermäuse.
Sein Hobby: chiropterologische Beobachtungen.
Sein Gesicht: ein anthropomorpher Gruß aus dem Reich der Mopsfledermäuse.
Sein Name?
Vergessen.
Vielleicht unterdrückt.
Vielleicht: Dr. Chiropterus von Flatterfels™.
Das Thema: Leonardo da Vinci.
Das Opfer: Vincent Flink.
Er hatte ein Referat vorbereitet – oder besser gesagt: er hatte eine beeindruckende Webseite gefunden.
Visuell ein Genuss. Inhaltlich komplex. Und für einen Vierzehnjährigen verdächtig eloquent.
Der Vortrag?
Flink schwebte durch Florenz, durch Flugmaschinen und Fresken, referierte über Anatomie, Inversion, das Abendmahl – und spürte dabei:
Das ist zu gut. Selbst für mich.
Schwarzblende.
Danach – eine andere Stimme.
Seine Mutter, später am Esstisch, beiläufig, fast amüsiert:
„Der Lehrer hat gesagt, er hätte die Webseite gefunden, von der du dein Referat geklaut hast.“
Vincent blickte auf seinen Teller.
Spätzle mit Soße. Handgeschabt.
So viel Mühe. Und trotzdem schmeckte er das Schweigen.
„Was hast du gesagt?“
„Ich hab gesagt: Dann fragen Sie ihn doch selbst!“
Pause.
„Und?“
Ein Lächeln zuckte über ihr Gesicht.
„Er hat dich ausgefragt. Über Leonardo. Über alles.“
Noch eine Pause.
„Nach dem Gespräch meinte er nur: Der weiß ja wirklich alles über Leonardo.“
Stille.
Punkt.
Erinnerung beendet.
Fußnote 22¾†
Chiropterologie
Die edle Wissenschaft der Fledermauskunde.
Oft betrieben von Menschen mit nächtlichem Herzschlag, leichtem Sozialschwund und der romantischen Vorstellung, dass Orientierung per Ultraschall auch in zwischenmenschlichen Beziehungen funktionieren könnte.
Im schulischen Kontext häufig ein Warnsignal:
Wenn dein Lehrer Fledermäuse liebt, liebt er selten deine Meinung.
Glaskugel-Moment #L-500.b
Leonardo & die KI
Was hätte Leonardo getan – mit einem neuronalen Netzwerk auf dem Skizzenblock?
Er hätte es zerschnitten. Er hätte es geliebt. Er hätte es mit menschlichem Blut gezeichnet und mit göttlicher Ungeduld trainiert. Und wenn KI ihn gefragt hätte, wer er sei, hätte er geantwortet:
Ich bin das, was ihr noch nicht zu träumen wagt.
Zensurvermerk – Anlage 2.0.BILDUNGSWIDERSTAND
Prof. Dr. Rainer H. Rotblech™
Oberregulierungsbeauftragter a. D.
Referat für Schulwahrheit & Urheberethik
Das vorliegende Kapitel zeichnet ein zutiefst unsachliches Bild schulischer Erinnerungskultur.
Besonders bedenklich sind:
– die romantisierte Darstellung illegaler Quellenrecherche
– die suggestive Vermengung von Wissensaneignung und Identitätsflucht
– die Darstellung von Lehrer:innen als unfreiwillige Gatekeeper der Systemillusion
Empfehlung:
Erinnerungen dürfen in dieser Form nur freigegeben werden, wenn zuvor das Formular 27c
(Emotionale Selbstverantwortung™)
ausgefüllt und mit Kaffeeflecken versehen eingereicht wurde.
Das Referat über Leonardo ist bitte neu zu bewerten – unter Einbeziehung der KI-Risikolage.
Unterschrift: R. H. Rotblech™ (mit Kugelschreiber, leicht zitternd)
Stempel: COPYPASTE-GEFAHR – GENIEVERDACHT BESTÄTIGT
Erkenntnisschatten™ zu Kapitel 2.0
Ich wollte nur wahrgenommen werden. Nicht bewundert. Nicht benotet. Wahrgenommen. Als der, der ich bin.
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