
Kapitel 1.0
Die Grundschule – Willkommen im kollektiven Wahnsinn
Die Grundschule war der erste Ort, an dem ich merkte:
„Hier stimmt was nicht.“
Es fing harmlos an. Ein Klassenraum mit bunten Zahlen an der Wand, ein Stundenplan mit viel zu wenig Pausen – und mittendrin:
Knutsch-Ulrich Neunmalklug.
Ein wandelndes Lexikon mit Zahnlücke und einem Gedächtnis wie ein Schwamm im Ozean der Lehrpläne.
Sein Lieblingssatz:
Also eigentlich ist das nicht ganz korrekt…
doch es war nie böse gemeint.
Es war seine Art, die Welt zu sortieren.
Wenn Wissen Macht ist, dann war Ulrich ein kleiner Minister im karierten Hemd.
Er wusste alles. Wirklich alles. Und manchmal wussten die anderen nicht, wohin mit ihm.
Denn Kinder spüren, was anders ist – und verwechseln „anders“ allzu oft mit „unsympathisch“.
Vincent aber mochte ihn. Er schrieb bei ihm ab, nicht aus Faulheit, sondern aus Vertrauen.
Denn Ulrichs Antworten waren wie Leuchttürme in der stürmischen See der Grundschulmathematik. Er war zuverlässig. Selbst dann, wenn er mit erhobenem Finger und leichtem Lispeln die Welt verbessern wollte.
Vielleicht war Knutsch-Ulrich gar kein Neunmalklug, sondern einfach jemand, der schon früh versuchte, die Logik zu retten in einer Welt voller Pausengong und Pausenbrot.
Dann war da Thomas.
Thomas war… unklassifizierbar. Nicht dumm, nicht still – eher eine Störung in der standardisierten Bildungsabfolge, eine leise Diskrepanz im Raster der schulischen Realität. Ein Bug im System, der nie laut wurde, aber auch nie verschwand.[¹]
Fußnote [¹]
Später sollte das Bildungssystem gewaltige Fortschritte machen. Man löste das Problem, indem man auffälligen Kindern endlich präzise medizinische Diagnosen verpasste, wie etwa „Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung mit oppositionellem Trotzverhalten“ – eine geniale Errungenschaft der Pädagogik.
Der Thomas blieb natürlich exakt derselbe, fühlte sich aber gleich viel besser, da er nun wusste, wie seine Störung hieß. Man gab ihm ein Etikett – und das Etikett passte. Nicht zu ihm, aber zur Schublade.
Seitdem galt er als betreubar. Nicht heilbar – aber verwaltbar.
[Anmerkung: Für Vincent stand später die Diagnose noch aus. Seine Abweichung wurde als „Inkompatibilität mit der systemischen Normalform™“ vermutet, blieb jedoch unbehandelt.]
Thomas konnte nicht stillsitzen. Hatte Ameisen im Hintern, wie Frau Schmitz™ immer sagte.
Aber auch mehr Phantasie im kleinen Finger als die ganze Klasse im Kopf.
Eines Tages malte er das Fenster an – mit einem roten Filzstift. Manche sagten, es war ein Flugzeug. Andere: ein fliegender Penis.
Fakt ist: Frau Schmitz trat an seinen Tisch wie ein Naturgesetz. Ohne viele Worte holte sie ein Seil aus dem Turnbeutel und Gaffer-Tape[^42⅞] aus dem pädagogischen Jenseits.
Sie fesselte Thomas an den Stuhl und klebte seinen Mund zu.
„Zur Wahrung der Ordnung“, wie sie es nannte.
Und während die Klasse verstummte – aus Angst oder Resignation –, sah ich aus dem Fenster.
Und begriff:
Fantasie ist gefährlich. Vor allem, wenn sie fliegt.
Fußnote [^42⅞]
Gaffer-Tape – Nicht zu verwechseln mit „Gaffa-Tape“.
Im Fachjargon der Filmindustrie korrekt als „Gaffer-Tape“ bezeichnet, abgeleitet vom englischen „gaffer“ (Chefbeleuchter am Filmset).
Besonders geschätzt für seine Fähigkeit, Dinge zuverlässig und rückstandslos zum Schweigen zu bringen.
Thomas hätte vermutlich den Unterschied erklären können, wenn er nicht gerade damit beschäftigt gewesen wäre, von Frau Schmitz pädagogisch wertvoll ruhiggestellt zu werden.
Und ich?
Ich saß dazwischen. Mit großen Augen und kleinem Mund.
Ich beobachtete. Ich notierte (innerlich). Und ich dachte:
„Wenn das hier normal ist, dann will ich kein Normal.“
Glaskugel-Moment™
Die berechnete Leere
(Ein Blick durch die Glaskugel – optimiert für Leser:innen mit mathematischem Schaden)
Es war einmal ein Junge. Still, höflich, mit einem Faible für Zahlen und der Leidenschaft, alles exakt zu berechnen, was sich nicht dagegen wehren konnte.
Er rechnete nicht aus Neugier, sondern aus innerem Drang. Alles musste stimmen. Auch das Falsche.
Jahre später: irgendwo im süddeutschen Sprachnebel.
Er steht vor mir. In der Hand: ein Rechenschieber. In der Tasche: die Abbruchkante seines Seelenprojekts.
Im Rücken: ein Transporter, so groß wie ein Drittelkontinent.
Ich habe das Volumen vorher exakt berechnet,
sagt er mit der Ernsthaftigkeit eines Weltformel-Gläubigen, während wir seinen Besitz in das gähnende Nichts des Laderaums hieven:
Ein Schreibtisch.
Ein Bettgestell.
Zwei Umzugskartons.
Drei Lebenslügen.
Der Rest?
Luft. Exakt berechnete Luft.
Er – Absolvent des renommierten Flaohu Fa-Instituts™ für Kosmisch-praktische Unschärfe – promoviert in Raumzeitoptimierung nach Paragraf 7 der globalen Rechenreligion – war gescheitert an der Wirklichkeit des Raum-Zeit-Kontinuums namens Realität.
Die Gleichung ging auf dem Papier auf. In der Welt? Nicht.
Professor Dr. rer. cos. Ling-Hua Faa™ sagt:
Theorie stark. Praxis kaputt. Bitte nicht wiederholen – mit scharf.
Fußnote 7a
Es gibt zwei Arten von Menschen:
Die, die Umzugsvolumen schätzen –
und die, die es berechnen.
Letztere enden oft einsam. Oder mit Dr. Titel.
Man sah es in seinen Augen.
Nicht Verzweiflung.
Sondern diese stille Kränkung des akademischen Egos, wenn die Realität den Taschenrechner beleidigt.
Und während wir das Bett so drapierten, dass es wenigstens symbolisch den Raum ausfüllte, blinzelte ich in die Zukunft:
Da stand er – ein Mann, der einst mit Zahlen flirten wollte und nun von ihnen verlassen wurde.
Für einen Schreibtisch.
Und eine halbe Matratze.
Das hier ist keine Geschichte über einen Umzug.
Das hier ist ein Vorspiel.
Ein Auftakt zum absurden Theater unserer Zeit.
Denn wer glaubt, das Leben ließe sich berechnen,
hat den falschen Transporter bestellt.
Fußnote 77.3a – Flaohu Fa-Institut™
Benannt nach einem Professor aus dem „asiatischen Sprachraum“, dessen Namen niemand aussprach – aus Respekt oder Unsicherheit.
Die Einrichtung selbst gilt als Leuchtturm akademischer Luftnummern: bekannt für hochdekorierte Forschungsprojekte mit praktisch nicht nachweisbarer Wirkung.
Der Wissenstransfer war erstaunlich effizient – allerdings meist in eine andere Hemisphäre.
Offizielles Motto:
Wir forschen. Irgendwo.
Fußnote 77.3b
Die maximale Nutzlast der Illusion beträgt ca. 42 Einheiten.
Alles darüber kollabiert ins Groteske.
Zensurvermerk – Anlage 1.0/GRUNDSCHULGEFÄHRDUNG™
Prof. Dr. Rainer H. Rotblech™, Oberregulierungsbeauftragter a.D., Leiter der
Kommission zur Reinwaschung frühpädagogischer Erinnerungskultur
Betrifft: Kapitel 1.0 – „Die Grundschule – Willkommen im kollektiven Wahnsinn“
Sachstand:
Der Textabschnitt untergräbt auf systemisch tiefenwirksame Weise das Idealbild
deutscher Frühbildung. Die Darstellung von Grundschule als „Wahnsinn“ sowie
der Einsatz von Begriffsfloskeln wie „Knutsch-Ulrich Neunmalklug“ und
„pädagogisch wertvolle Ruhigstellung mit Gaffer-Tape“ führt unweigerlich zu
einer nachhaltigen Störung des schulischen Nostalgievertrauens bei Leser:innen.
Besonders kritische Passagen:
Thomas und das Filzstift-Fenster:
Das Motiv des „fliegenden Penis“ in einem Grundschulkontext stellt einen
schwerwiegenden Fall von Frühsexualisierung satirischer Erinnerung dar.
Empfehlung: durch „unklares Flugobjekt“ ersetzen.
Frau Schmitz™ – pädagogische Notstandskräfte:
Das Fesseln mit Seil und Gaffer-Tape entzieht sich jeglicher Legitimation
innerhalb gültiger Erziehungsrichtlinien. Die Darstellung ist zwar literarisch
brillant, aber juristisch bedenklich.
Empfehlung: Satire-Siegel notwendig.
Knutsch-Ulrich Neunmalklug – Diktator im karierten Hemd:
Die metaphorische Verbindung von kindlichem Besserwissen mit autoritärer
Herrschaftssymbolik könnte auf Elternabenden für erhebliche Irritationen
sorgen.
Der mathematische Abbruch (AUSBLICK):
Die Beschreibung eines promovierten Flaohu-Fa-Absolventen™ mit
Rechenschieber und seelischer Abbruchkante wirft zentrale Fragen zum
Zusammenhang zwischen akademischer Bildung und realweltlicher
Nutzlosigkeit auf.
Anmerkung: Eine zentrale These des Flinkiversums – jedoch dringend zu
kennzeichnen als metaphysische Überzeichnung!
Rotblech-Rating™:
Gefahr für systempädagogische Resilienz: Hoch
Literarischer Wert: Irritierend stark
Empfohlene Einstufung:
REALITÄTSWIDERSPRUCH MIT POETISCHER GENEHMIGUNG
Verpflichtender Zusatzhinweis am Kapitelende:
„Dieser Textabschnitt enthält Darstellungen, die aus heutiger Sicht als inadäquat
gelten könnten. Es handelt sich um Erinnerungen unter literarischem Einfluss.
Bitte lesen Sie mit Ironie – oder lassen Sie es bleiben.“
Unterschrift:
R.H. Rotblech™ (nach dem dritten Gaffer-Hustenanfall),
Stempel: „REALITÄTSENTGLEISUNG UNTER IRONIEVERDACHT“
Erkenntnisschatten™ zu Kapitel 1.0
Thomas war wild und roh. Die anderen sagten: zu roh. Ich hatte keine Probleme mit ihm. Er war wie er war – und ich mochte, dass er sich nicht anpassen konnte. Tief in mir spürte ich seine Sehnsucht. Nach Weite. Nach Echtheit. Nach irgendwas, das in der Schule keinen Namen hatte.
Hier geht es weiter zum nächsten Kapitel:
← zurück zu Kapitel Zero
→ Das nächste Kapitel erscheint kommenden Samstag.
Falls du noch ein wenig bleiben möchtest:
Die Menschen dieses Buches findest du im Dramatis Personae.
Seine Worte im Glossar.