Man erkennt sie selten auf den ersten Blick.
Ein Mensch steht im Supermarkt. Sitzt beim Abendessen. Lacht auf Familienfeiern. Ein ganz gewöhnliches Leben, eingebettet in Routinen, Termine, Gespräche. Alles wirkt stabil. Verlässlich. Unauffällig.
Und doch existieren Zustände, die sich langsam ausbreiten, ohne sichtbare Spuren zu hinterlassen. Keine Explosion. Kein Zusammenbruch. Kein Moment, der eindeutig als Krise erkennbar wäre. Nur eine kaum wahrnehmbare Verschiebung.
Im Alltag zeigt sie sich in harmlosen Gesten. Ein Glas Wein am Abend.
Ein zweites, weil der Tag lang war. Vielleicht ein Schnaps nach dem Essen – eine kulturell perfekt akzeptierte Selbstverständlichkeit.
Nichts daran wirkt außergewöhnlich. Nichts daran wirkt gefährlich. Gerade das macht den Zustand so schwer greifbar. Das Leben bleibt intakt. Der Mensch funktioniert. Arbeitet. Spricht. Plant. Nach außen entsteht keinerlei Alarm. Und dennoch schleicht sich ein Gefühl ein, das sich nur schwer benennen lässt. Da ist dieser kurze Moment am Morgen. Jene unangenehme Klarheit zwischen Müdigkeit und Erwachen.
Ein flüchtiger, unerwünschter Gedanke:
"Irgendetwas läuft schief."
Keine große Panik. Keine dramatische Erkenntnis. Eher eine leise Irritation, die sich erstaunlich gut übergehen lässt. Die Tage verlaufen weiter in vertrauter Ordnung. Verpflichtungen werden erfüllt. Gespräche geführt. Entscheidungen vertagt. Von außen betrachtet bleibt alles im Rahmen. Doch innerlich entsteht oft etwas anderes.
Ein diffuses Gefühl der Wiederholung. Eine schwer greifbare Unruhe.
Das Empfinden, dass Energie versickert, während Möglichkeiten theoretisch vorhanden bleiben. Nichts erzwingt Veränderung. Kein Abgrund öffnet sich. Kein Ereignis unterbricht den Verlauf. Nur diese beständige, kaum sichtbare Drift. Abende vergehen ruhig.
Ein Glas steht auf dem Tisch. Stimmen klingen vertraut. Gespräche fließen durch den Raum, leicht, unspektakulär, beinahe beruhigend. Alles fühlt sich normal an. Und doch geschieht etwas Subtiles. Eine minimale Verschiebung der inneren Wahrnehmung. Ein kaum bemerkbarer Glitch im eigenen Erleben.
Zu gering, um beunruhigend zu wirken. Ausreichend, um sich langsam vom eigenen Gefühl von Klarheit zu entfernen. Irgendwann entsteht ein merkwürdiger Zustand.
Das Leben bleibt stabil. Die eigene Präsenz darin wird unscharf. Vielleicht liegt genau hier die eigentliche Tragik vieler moderner Krisen. Sie erscheinen selten als Katastrophe. Sie treten leise auf. Tag für Tag. Gedanke für Gedanke. Gewohnheit für Gewohnheit.
Bis ein Mensch sich eines Tages beinahe beiläufig fragt, wie weit er sich bereits von dem entfernt hat, was einst möglich schien.