Flink bei der "Behörde zur Aktivierung Arbeitsloser AlternativMenschen™"
Der Flur roch nach nichts.
Nicht nach Reinigungsmittel, nicht nach Menschen, nicht nach Zeit.
Ein geruchlicher Neutralzustand, wie geschaffen für Vorgänge ohne Biografie.
Neonlicht lag flächig auf dem Linoleum. Es war kein kaltes Licht. Es war ein Licht ohne Meinung. Türen säumten die Wände. Zimmernummern. Keine erkennbare Ordnung. Nur Abfolge.
Dazwischen Stühle. Einzelne Stühle. Manche dicht nebeneinander. Manche isoliert wie versehentlich abgestellte Gedanken. Niemand wusste, nach welchem Prinzip sie verteilt waren.
Tolkien saß auf einem dieser Stühle und hielt ein Schreiben in der Hand. Er hatte es mehrfach gelesen. Nicht aus Zweifel — aus ernsthaftem Bemühen um Bedeutung. „Ich muss von einem Irrtum ausgehen“, murmelte er. Neben ihm saß ein Mann, der sein eigenes Schreiben nicht mehr ansah. „Das denken hier alle.“ Tolkien entfaltete das Blatt erneut. Der Betreff wirkte ungewöhnlich bestimmt.
Einladung nach § 309 Abs. 1 SGB III in Verbindung mit § 38 Abs. 3 SGB III
Er verharrte einen Moment. „Eine bemerkenswerte Wortkombination.“
„Was genau?“, fragte Salinger.
„Das Dokument bezeichnet sich als Einladung.“
Stille.
„Und beruft sich gleichzeitig auf mehrere Paragraphen.“
Salinger nickte kaum sichtbar.
„Standardhöflichkeit.“
Tolkien las weiter. Der Text war von jener sachlichen Freundlichkeit,
die keinen Interpretationsspielraum vorsah. Anliegen des Termins ist die gemeinsame Erörterung Ihrer aktuellen beruflichen Situation sowie die Feststellung etwaiger Integrationshemmnisse. Er blinzelte.
Langsamer:
Bitte erscheinen Sie am:
Dienstag, 09:40 Uhr
Zimmer 3.12 – Aktivierungszone B
Eine Neonröhre summte gleichmäßig.
Sollten Sie den Termin ohne wichtigen Grund versäumen,
kann dies leistungsrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.
Salinger verzog keine Miene.
Tolkien schluckte kaum merklich.
Bringen Sie bitte mit:
Lebenslauf (lückenlos)
Nachweise über Eigenbemühungen
Realistische Einschätzung Ihrer Vermittlungsfähigkeit
Gültiges Ausweisdokument
Lange Stille.
Dann, leise:
„Ich fürchte, diese Behörde überschätzt ihre Zuständigkeit.“
Zwei Stühle weiter saß ein dritter Mann mit einem Thermobecher.
Er wirkte nicht wartend. Eher integriert. Flink betrachtete den Briefkopf kurz und nickte.
„BAAAM™.“
Tolkien sah auf.
„Sie kennen diese Institution?“
„Man kennt sie nicht.“
„Wie meinen Sie das?“
Flink nahm einen Schluck.
„Man gerät in ihren Zuständigkeitsbereich.“
Am Ende des Flurs hing ein Bildschirm. Eine Nummer leuchtete dort. Niemand reagierte. Die Anzeige existierte wie ein Wetterereignis ohne erkennbare Beziehung zu den Anwesenden. Eine Tür öffnete sich. Ein Stuhl wurde herausgetragen. Niemand reagierte. Tolkien beobachtete den Vorgang mit wachsender Irritation.
„Die Platzierung der Sitzgelegenheiten folgt offenbar keinem System.“
„Doch“, sagte Flink.
„Welchem?“
„Verfügbarkeit.“
Salinger schnaubte leise.
„Das ist kein System.“
Flink nickte langsam.
„Willkommen.“
Der Lautsprecher knackte. Eine Stimme, vollkommen entkoppelt von jedem erkennbaren Ursprung:
„Herr SALINGER, JEROME DAVID, bitte zu Perspektivklärung 2.“
Salinger schloss die Augen.
„Das ist nicht real.“
„Doch“, sagte Flink.
Tolkien blickte zwischen beiden hin und her.
„Was geschieht, wenn man eine solche Einladung ignoriert?“
Der Bildschirm zeigte inzwischen eine andere Nummer.
„Dann wird der Briefverkehr intensiver.“
Der Flur blieb vollkommen gleichgültig. Licht. Türen. Stühle. Drei Männer.
Drei Schreiben. Ein Anliegen. Die Erörterung der aktuellen beruflichen Situation. Später würde Flink sich nicht mehr daran erinnern, wer neben ihm im Flur gesessen hatte. Die Schreiben jedoch blieben. Sie kamen weiterhin. Mit neuen Terminen. Neuen Paragraphen. Neuen Anliegen. Die BAAAM™ arbeitete fortlaufend. Manchmal, so schien es Flink, endete ein Verwaltungsflur nicht mit einer Tür. Sondern setzte sich fort. Geräuschlos. Unauffällig. Wie ein Gedanke, der sich weigerte zu verschwinden. In der Nacht wurde Flink unruhig. Der Traum besaß keine Handlung, nur diesen endlosen Flur. Neonlicht. Türen. Stühle. Dann ein Lautsprecher. Dann die Stimme.
„Sie haben den Termin verschlafen.“
Flink schrie. Kurz. Trocken. Wie jemand, der aus einem freien Fall erwacht. Als er die Augen öffnete, saß jemand neben dem Bett.
„Ganz ruhig“, sagte J.D.
Keine Hast. Keine Irritation. Nur eine Stimme, die diesen Zustand offenbar kannte.
Flink atmete schwer.
„Sie sagten, das gilt nicht als wichtiger Grund.“
J.D. nickte kaum merklich.
„Tun sie immer.“
Stille.
Der Raum war dunkel. Von draußen kein Geräusch.
„War nur ein Traum … oder?“
J.D. schwieg einen Moment. Dann, leise:
„Kommt darauf an, wer ihn verwaltet.“