Die Frankfurter Buchmesse ist ein Ameisenhaufen mit Stimmen.
Menschen bewegen sich wie Gedanken, die niemand zu Ende denkt.
Taschen streifen Beine.
Lanyards klirren leise.
Worte lösen sich aus Mündern und fallen in andere Münder hinein.
Die Luft schmeckt nach Papier, Kaffee und zu vielen Entscheidungen.
Vincent Flink steht mittendrin.
Er weiß nicht, warum er stehen geblieben ist.
Er weiß nur, dass Gehen plötzlich nicht mehr reicht.
Die Halle wirkt auf einmal dünner.
Als hätte jemand die Welt minimal zu flach eingestellt.
Gesichter ziehen vorbei wie U-Bahn-Fenster: kurz beleuchtet, sofort wieder dunkel.
Ein Lachen klingt nach Glas. Ein Gespräch riecht nach kaltem Licht.
Und dann passiert es.
Nicht laut.
Nicht spektakulär.
Die Zeit verliert für einen Atemzug ihre Richtung.
Er ist wieder jünger. Oder vielleicht ist jemand in ihm jünger.
Die Halle ist dieselbe – und doch anders.
Die Farben sind heller.
Die Geräusche schärfer.
Die Körper um ihn herum leichter, unentschiedener, schneller.
Er steht nicht allein.
Oder vielleicht steht er neben sich.
Weiße Papiertüten. Flyer, die sich anfühlen wie Schnee im Sommer.
Eine Schulklasse, die sich in Bewegung hält, damit sie nicht merkt, wie groß alles ist.
Vor ihm ein Plakat.
Die Asche meiner Mutter.
Das Wort Asche fühlt sich kalt an.
Das Wort Mutter riecht nach Regen.
Weiter vorne ein Mann.
Oder nur ein Rücken.
Oder nur die Gewissheit, dass dieser Mensch existiert.
Frank McCourt – oder die Idee davon.
Etwas in ihm verschiebt sich, ohne dass es benannt werden kann.
Und dann ist er wieder hier.
Gegenwart.
Die heutige Messe.
Die heutigen Stimmen.
Die heutigen Körper.
Aber die Welt wirkt jetzt leicht zweidimensional.
Als wäre sie aus Kulissen gebaut,
die freundlich so tun, als wären sie tief.
Er weiß, dass alles real ist.
Und doch fühlt es sich an, als würde er durch einen dünnen Schleier sehen.
Sein eigener Körper gehört ihm.
Aber nicht ganz.
Und in diesem Zwischenraum beginnt der Gedanke.
Leise.
Nicht logisch.
Nicht fertig.
Er denkt an seinen Onkel.
Nicht an Zahlen.
Nicht an Ausstellungen.
Nicht an Erfolg.
Nur daran, dass er gemalt hat.
Still.
Beharrlich.
Als hätte er nicht verkauft, sondern geantwortet.
Er weiß nicht, ob sein Onkel erfolgreich war.
Er weiß nicht einmal, was dieses Wort hier bedeutet.
Er weiß nur, dass seine Bilder da waren.
Und dass jemand sie getragen hat, damit sie da sein konnten.
Und plötzlich versteht er, ohne es auszusprechen:
Vielleicht ist Erfolg kein Maß. Vielleicht ist er nur ein Geräusch.
Und Kunst eher ein Atem.
Wenn ein Mensch malt und kaum jemand hinsieht –
war sein Bild dann weniger schön?
Wenn ein Mensch schreibt und kaum jemand liest –
war sein Gefühl dann weniger wirklich?
Die Halle rauscht weiter.
Menschen handeln, planen, lachen, gehen.
Und Vincent steht darin, zwischen zwei Zeiten,
zwischen zwei Versionen von sich.
Er weiß nicht, ob er sich erinnert.
Er weiß nicht, ob er fantasiert.
Er weiß nicht, ob er gerade schreibt.
Er weiß nur:
Diese Szene gehört ihm nicht allein.
Sie gehört dem Jungen, der damals vor einem Plakat stand.
Sie gehört dem Mann, der heute in einer Menge steht.
Und sie gehört etwas Drittem dazwischen, das keinen Namen hat.
Vielleicht ist Erinnerung kein Rückblick.
Vielleicht ist sie ein Ort, der uns manchmal noch einmal betritt.
Vincent atmet.
Die Messe wird wieder lauter. Die Welt bekommt wieder Tiefe.
Aber der Riss bleibt.
Nicht sichtbar. Nicht schmerzhaft.
Nur als leise Gewissheit:
Dass sein Leben nicht aus Kapiteln besteht – sondern aus Überlagerungen.
Und dass Kunst vielleicht genau dort entsteht, wo ein Mensch nicht mehr sicher weiß, ob er gerade lebt, erinnert oder erfindet.
