Namasté, Mama™

Vincent Flink saß auf einem violetten Meditationskissen und versuchte, seine Wirbelsäule davon zu überzeugen, dass dies ein heiliger Ort war. Das Kissen war anderer Meinung. Es drückte ihm in die Hüfte, als wollte es sagen: Du bist nicht für Erleuchtung gebaut. Du bist für Stühle mit Rückenlehne gebaut. Vielleicht für einen Antrag auf ergonomische Sonderausstattung. Aber nicht für diese buddhistische Sitzfolter in Aubergine.

Der Yogaraum lag im Abendlicht. Die Deckenlampen waren ausgeschaltet, nur in der Ecke brannte eine Salzlampe, die aussah wie ein glühender Nierenstein aus dem Himalaya. Auf dem Boden lagen Matten in verschiedenen Grüntönen. An der Wand hing ein Tuch mit einem Sanskrit-Zeichen, das Vincent nicht lesen konnte, das aber mit großer Sicherheit bedeutete: Bitte Schuhe ausziehen und emotionale Altlasten im Vorraum lagern. Draußen rauschte irgendwo eine Straße. Drinnen dampfte Kräutertee.

Die Stunde war vorbei. Einige Frauen standen noch im Eingangsbereich, wickelten Schals um Hälse, schlüpften in Schuhe, lachten leise, als dürfe das Lachen die gerade erarbeitete Achtsamkeit nicht beschädigen. Eine von ihnen umarmte den deutschen Yogalehrer etwas zu lange. Oder er sie. Bei solchen Dingen gab es selten einen Zeugen, der genau sagen konnte, wo die Berührung begonnen hatte.

Der deutsche Yogalehrer hieß im echten Leben vermutlich Martin, Matthias oder irgendetwas mit weichem Konsonanten. Im Flinkiversum sollte er später Mantramoritz™ heißen.

Er hatte blaue Augen, diese hellen, klaren Augen, die in spirituellen Räumen sofort als Tiefe missverstanden wurden. Sein Yoga war technisch überschaubar. Beim herabschauenden Hund sah er manchmal aus wie ein Mann, der unter einem niedrigen Tisch seinen Autoschlüssel suchte. Aber beim Singen veränderte sich der Raum.

Dann wurde er weich. Dann wurde seine Stimme zu warmem Honig auf einem alten Riss. Dann schlossen manche Frauen die Augen, als hätte endlich jemand die richtige Frequenz für ihre Müdigkeit gefunden.

Neben ihm saß sein Lehrer. Der Mann aus Sri Lanka. Auch er hatte einen richtigen Namen. Einen schönen vielleicht. Einen, der nach Familie klang, nach Kindheit, nach Meer, nach einer Mutter, die Reis kochte, nach einem Land, das mehr war als die Projektionsfläche deutscher Sinnsucherinnen mit Leinenhosen und Beziehungswunden. Aber im Yogastudio war er längst zu etwas anderem geworden.

Er war der Meister. Der Exot. Der Import von Tiefe. Er musste wenig sagen. Genau das war sein Kapital. In dieser Szene wurde Schweigen sofort als Weisheit verbucht. Wenn ein Deutscher schwieg, galt er als schwierig. Wenn dieser Mann schwieg, senkten alle innerlich den Kopf.

Vincent hasste, wie schnell auch er darauf hereinfiel. Der Meister saß aufrecht, sehr ruhig, mit einer Gelassenheit, die entweder aus jahrzehntelanger Praxis stammte oder aus völliger Erschöpfung. Sein Blick wanderte langsam durch den Raum. Kein hektisches Scannen. Keine sichtbare Gier. Eher ein weiches Registrieren.

Frauen kamen zu ihm, als hätte sein Körper eine Antwort gespeichert, die ihre Sprache verloren hatte.

„Sie war heute sehr offen“, sagte Mantramoritz™ plötzlich.

Vincent hob den Blick. Die Frauen waren gegangen. Die Tür fiel leise ins Schloss. Zurück blieben drei Männer, drei Tassen Tee und die matte Nachwärme der Stunde.

„Welche?“, fragte der Meister.

Mantramoritz™ lächelte. Dieses Lächeln. Halb Junge, halb Priester, halb Versicherungsvertreter für Seelenzustände.

„Die mit dem roten Schal.“

Der Meister nickte langsam.

„Sie hat viel Schmerz im Brustraum.“

Vincent nahm einen Schluck Tee. Er schmeckte nach Wiese, Staub und pädagogischer Überlegenheit.

„Trennung“, sagte Mantramoritz™. „Hat sie mir letzte Woche erzählt. Ihr Mann fühlt nichts mehr. Oder sie fühlt nichts mehr mit ihm. Irgendwas ist da tot.“

Der Meister sagte nichts. Vincent merkte, wie sich in ihm etwas spannte. Nicht laut. Kein Alarm. Eher ein dünner Draht im Bauch.

Mantramoritz™ fuhr fort.

„Beim Mantra war sie komplett da. Hast du gesehen? Sie ist sofort weich geworden.“

Der Meister nickte wieder.

„Stimme geht tief.“

„Ja“, sagte Mantramoritz™. „Vor allem bei solchen Frauen.“

Solchen Frauen. Vincent hörte den Satz im Raum stehen. Er war klein, fast harmlos, eingewickelt in Tee und Nachklang. Aber etwas daran hatte eine Kante. Eine hässliche kleine Kante unter Samt.

„Sie brauchen erst Vertrauen“, sagte der Meister.

„Klar“, sagte Mantramoritz™. „Aber Vertrauen ist bei denen gar nicht so schwer. Wenn du sie wirklich anschaust. Also richtig. Nicht so wie ihre Männer.“

Er lachte leise. Vincent sah auf seine Tasse. Da war er. Der Satz. Noch nicht ausgesprochen, aber schon im Raum.

Ich sehe dich.

Diese vier Worte, die klangen wie Erlösung, wenn ein Mensch lange genug unsichtbar gewesen war. Mantramoritz™ lehnte sich zurück. Seine Stimme wurde vertraulicher. Männerstimme unter Männern. Der Tonfall, in dem sich Weltbilder ausziehen.

„Massage wäre bei ihr gut“, sagte er. „Nichts Hartes. Eher weich. Hawaiianisch vielleicht. Lomi-Lomi-mäßig. Da kommt sie aus dem Kopf.“

Der Meister sah ihn an.

„Du musst sehr sauber bleiben.“

„Natürlich“, sagte Mantramoritz™ sofort.

Zu schnell. Vincent kannte dieses „natürlich“. Es war das Wort, mit dem Erwachsene eine Tür schlossen, bevor jemand nachsah, was dahinter stand.

„Ich meine nur“, sagte Mantramoritz™, „bei manchen Frauen kommst du über Worte gar nicht weiter. Die sind total im Kopf. Aber wenn sie einmal merken, dass sie sich fallen lassen dürfen …“

Er ließ den Satz offen. Offene Sätze waren in diesem Studio eine eigene Währung. Jeder durfte seine Sehnsucht hineinlegen. Der Meister trank Tee.

„Du willst zu schnell.“

Mantramoritz™ senkte den Blick. Für einen Moment sah er wirklich aus wie ein Schüler. Ein Junge, der zu nah ans Feuer gegangen war und nun vom Vater der Flamme zurechtgewiesen wurde.

„Vielleicht“, sagte er.

Dann lächelte er wieder.

„Aber es funktioniert.“

Vincent stellte seine Tasse ab. Nicht laut. Nur ein leises Klicken auf Holz. Die beiden sahen ihn kurz an, als hätten sie vergessen, dass er noch da war. Das war Vincentes Talent. Er wurde in Räumen oft übersehen, bis er bereits zu viel gehört hatte.

„Alles gut?“, fragte Mantramoritz™.

Vincent nickte.

„Ja.“

Das war gelogen. In ihm begann gerade eine Kulisse umzufallen. Keine große. Keine mit Staubwolke und Applaus. Eher eine dünne Innenwand. Spiritueller Trockenbau. Dahinter: Rohbeton.

Plötzlich hörte Vincent die Sätze anders. Sie ist offen. Sie braucht Vertrauen. Sie kommt aus dem Kopf. Stimme geht tief. Massage wäre gut.

Das waren keine Sätze über Heilung. Das waren Sätze über Zugänge. Über Türen. Über Schlösser. Über Menschen, die an einer Stelle wund waren, an der ein geschickter Mann nur lange genug warm sprechen musste. Der Meister sah ruhig aus. Mantramoritz™ sah weich aus. Beide sahen aus wie Männer, die Frauen helfen wollten, wieder in ihren Körper zu kommen. Aber unter dem weichen Licht saßen zwei kleine Jungen. Der eine trug die Rolle des Meisters wie ein sauberes Gewand. Der andere trug blaue Augen und Mantras wie einen Schlüsselbund. Beide suchten etwas. Vincent spürte es plötzlich so klar, dass ihm fast schlecht wurde.

Sie suchten keine Frau. Sie suchten eine Mutter, die endlich blieb. Nur hatten sie inzwischen erwachsene Hände. Warme Hände. Geübte Hände. Und genug spirituelle Sprache, um Hunger wie Weisheit klingen zu lassen.

Draußen fuhr ein Auto vorbei. Die Scheinwerfer wanderten kurz über die Fenster. Für einen Moment sah der Raum aus wie eine Bühne kurz vor dem Abbau. Mantramoritz™ begann, eine Klangschale in ein Tuch zu wickeln.

„Nächste Woche machen wir vielleicht mehr mit Stimme“, sagte er. „Das öffnet gerade viel.“

Vincent sah ihn an. Das öffnet gerade viel. Ja. Leider. Er stand auf. Seine Hüfte knackte, als wolle auch sie noch eine Stellungnahme abgeben.

„Ich geh dann mal“, sagte Vincent.

„Schon?“, fragte Mantramoritz™.

Der Meister lächelte mild.

„Geh in Frieden.“

Vincent nickte.

Frieden war an diesem Abend ausverkauft. Im Vorraum zog er seine Schuhe an. Einer der Schnürsenkel hatte sich verknotet. Natürlich. Selbst seine Schuhe bestanden auf karmischer Nachbearbeitung. Hinter ihm klang noch einmal die Stimme von Mantramoritz™ auf. Leise. Singend. Nur eine Silbe. Ein gedehntes, warmes, vibrierendes Om. Früher hätte Vincent vielleicht gedacht, das sei schön.Jetzt klang es wie eine Angel im Wasser. Er öffnete die Tür. Draußen lag der Parkplatz unter einer kalten Laterne. Kein Räucherstäbchen. Kein Sanskrit. Kein weicher Blick. Nur Asphalt, ein Mülleimer und ein alter Opel mit beschlagenen Scheiben. Vincent atmete ein. Zum ersten Mal an diesem Abend fühlte sich die Luft ehrlich an.